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Standpunkt

Kommentar: Der Pulitzer-Preis in der Ära Trump

Zu einer Zeit, in der Journalismus und Journalisten angefeindet und angegriffen werden, gaben die Pulitzer-Preis-Juroren in den USA einen Einblick in die Grundwerte des Berufs, meint Rick Fulker.

Die "Panama Papers", ein traumatisierter Veteran des Afghanistan-Krieges, der Drogenkrieg in den Philippinen und der Einfluss von Großunternehmen auf die Landwirtschaft in den USA gehören zu den Geschichten, deren Berichterstatter gestern mit dem Pulitzer-Preis geehrt wurden. Zwei der anerkannten Journalisten waren im Präsidenten-Wahlkampf aktiv: Für die Washington Post enthüllte David A. Fahrenthold die seltsamen Aktivitäten von Donald Trumps Wohltätigkeitsstiftung, und beim Wall Street Journal fiel Peggy Noonan wegen ihrer besonnenen Kommentare während des polarisierenden Wahlkampfs auf. 

Noch nie hat ein amtierender US-Präsident die Medien insgesamt als "Oppositionspartei" und "Feind des amerikanischen Volks" beschrieben. Seit etwa einem Jahr benutzen Aktivisten von Rechts in den USA - auch sie gehören zu Donald Trumps Klientel - sogar ein importiertes deutsches Wort, "Lügenpresse", für all das, was als journalistischer Mainstream gilt.

USA Bekanntgabe Pulitzer-Preisträger David Fahrenthold (picture alliance/AP Photo/The Washington Post/B. J. Mount)

David Fahrenthold fand heraus, dass Trump Mittel aus seiner Wohltätigkeitsstiftung benutzte, um ein gemaltes Bild von sich zu erwerben

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup im September 2016 haben nur 32 Prozent der Befragten "viel" oder "mittleres" Vertrauen in die etablierten Medien. Das war ein neuer Tiefstand, spiegelt aber einen langjährigen Trend wider: Seit etwa zehn Jahren halten weniger als die Hälfte der Amerikaner die Medien für vertrauenswürdig, entweder weil sie von kommerziellen Interessen gesteuert, oder weil sie meinungsgefärbt und daher unobjektiv seien. Die sozialen Medien haben den Einfluss der Mainsteam-Medien weiter verwässert.

Der Trump-Effekt

Das hat also nicht nur etwas mit Donald Trump zu tun. Der US-Präsident bleibt jedoch im Zentrum der medialen Entwicklungen in einer Zeit dramatischen Wandels. Die Firma mediaQuant schätzte vor kurzem, dass der Wert der kostenlosen Berichterstattung, die Trump im Zeitraum eines Monats erhielt, $817 Millionen US-Dollar (772 Millionen Euro) betrug. Zum Vergleich: Der Gegenwert bei Barack Obama während seiner Amtszeit betrug nur $200 Millionen US-Dollar (189 Millionen Euro). Der jetzige Präsident hat ganz offensichtlich die Fähigkeit, Nachrichten durch seine provokativen - und oft schlicht unwahren - Äußerungen zu generieren.

Fulker Rick Kommentarbild App

DW-Kulturredakteur Rick Fulker

Frühere Präsidenten waren auch Medienkenner. Franklin D. Roosevelt war ein brillanter Redner im Radio, John F. Kennedy gewann den Wahlkampf auch dadurch, dass er im Fernsehen besser ankam als sein Gegner Richard Nixon. Barack Obama begriff, wie man das Internet benutzen konnte, um Begeisterung - und Spenden - an der Basis zu mobilisieren. Trump hat seinerseits die neueste mediale Erscheinung, die sozialen Medien, gekonnt benutzt. Er profitierte zudem von gezielter Desinformation: Bekannt ist, dass zum Beispiel die Bundesstaaten Wisconsin, Michigan und Pennsylania - die ihm die nötige Mehrheit der Wahlmänner-Stimmen gaben - Ziele von unerbittlichen Falschmeldungen waren, die auch aus dem Ausland, vor allem aus Russland, stammten.

Eine Trendwende?

Dennoch: Nach jahrelangen Einkommensrückgängen und Kündigungen von Journalisten erleben US-Medien derzeit einen wirtschaftlichen Aufschwung. Beim Kabelfernsehen - vor allem Fox und CNN - schießen die Zuschauerzahlen in die Höhe. Der "Trump-Bump" führte auch zu stark steigenden Abonnementszahlen bei Zeitungen. Mehr als eine halbe Million Neuabonnementen gab es im vergangenen Jahr für die digitale Ausgabe der New York Times - die Zeitung, die Trump für "gescheitert" erklärte. Sie registriert auch fast ein Drittel mehr Internetverkehr als vor einem Jahr. Die Washington Post, die ein besonderes Profil wegen ihrer gnadenlos kritischen Trump-Berichterstattung vor und nach der Wahl auszeichnet, wird in den kommenden Monaten voraussichtlich mehr als 60 Journalisten neu einstellen.

USA Pulitzer Preis 2017 für Daniel Berehulak in Breaking News Photography (The New York Times/Daniel Berehulak)

Der Fotograph Daniel Berehulak dokumentiert die grausame Realität des Drogenkriegs auf den Philippinen

Gleich in seinen ersten Tagen im Amt griff der Präsident die Medien an, die er allesamt als "Fake News" beschrieb. Im Februar 2017 ergab jedoch eine Meinungsumfrage der Quinnipiac University, dass 52 Prozent der Amerikaner den Nachrichtenmedien mehr als ihrem Präsidenten trauen. ProPublica, ein nichtkommerzieller Verband investigativer Journalisten, registrierte in den vergangenen Monaten einen starken Spendenzuwachs.

Berichterstattung an der Basis - und international

Was bedeuten vor diesem Hintergrund die diesjährigen Pulitzer-Preise? Einen auffälligen "Trump-Effekt" gibt es nicht - weder pro noch contra. Einen Preis erhielt das Internationale Netzwerk Investigativer Journalisten - darunter auch die Süddeutsche Zeitung in Deutschland - wegen der Enthüllung von Steuerhinterziehung im großen Stil seitens Großfirmen im "Panama Papers"-Skandal. Selbstverständlich macht das Netzwerk keine Propaganda für Großfirmen. Als die New York Daily News und ProPublica von Menschen berichteten, die wegen angeblicher krimineller Tätigkeit aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben wurden, führte der Bericht zu einer Änderung der Gesetze in New York City. Und keine Worte können das Grauen im philippinischen Drogenkrieg besser als die Fotos von Daniel Berehulak wiedergeben. Und die Wahrheit, die daraus spricht, kann von keiner staatlichen Instanz dementiert oder relativiert werden.

USA Bekanntgabe Pulitzer-Preisträger Lynn Nottage (picture-alliance/AP Photo/B. Matthews)

Pulitzers wurden auch in der Sparte Literatur verliehen. Einer ging an Lynn Nottage, in ihrem Schauspiel "Sweat" geht es um Menschen aus der Arbeiterschicht

"Democracy Dies in Darkness" (Im Dunkeln stirbt die Demokratie) ist das Motto der Washington Post in der Ära Trump. Ein weiterer Pulitzer-Preisträger, der Cartoon-Künstler Jim Morin vom Miami Herald, spielt auf eine Geschichte an, die jedes amerikanische Schulkind kennt: Als Knabe soll George Washington so ehrlich gewesen sein, dass er, nachdem er einen Kirschbaum gefällt hatte, nicht imstande war, seinen Vater darüber anzulügen. In Morins Zeichung steht aber Trump mit Axt mitten in einem Wald gefällter Bäume. Er sagt: "Ich kann so viel lügen wie ich will, weil es nicht genug Leute gibt, denen die Wahrheit zählt." Die Pulitzer-Juroren, ihre Preisträger - und vielleicht auch die Bevölkerung in den USA und weltweit - sind anderer Meinung.

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