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Kultur

Kommentar: Der Papstbesuch in Deutschland

Papst Benedikt XVI. hat seinen sechstägigen Besuch in Deutschland beendet. Hat er eine Botschaft hinterlassen? Hat das Oberhaupt der Katholiken neue Akzente gesetzt?

Wer den Theologen Joseph Ratzinger kennt, weiß, dass mit
reformerischen Aufbrüchen unter seinem Pontifikat nicht zu rechnen ist. Mit ihm wird es keine Annäherung an den Protestantismus geben, wie sie von Protestanten erhofft wird. Das gemeinsame Abendmal ist noch in weiter Ferne. Auch was den Zölibat oder die Rolle der Frau in der Kirche betrifft, wird dieser Papst keinen Millimeter von der traditionellen Lehre abrücken. Das heißt: Die Probleme der katholischen Kirche bleiben weiter ungelöst.

Worauf der Deutsche auf dem Stuhl Petri sich versteht, sind
messerscharfte Zeitanalysen. Das hat er bei dieser Reise einmal mehr bewiesen. In Predigten und einem Hochschulvortrag hat er klar Position bezogen zu den Problemen der Postmoderne.

Der Westen verhält sich unsensibel

Das Generalthema, das er immer wieder variierte, war das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft. Die Vernunft zu gebrauchen und an Gott zu glauben sind für Benedikt keine unversöhnlichen Gegensätze. Glaube ist für ihn zutiefst vernünftig. Rein naturwissenschaftliche Erklärungen der Welt, wonach der Mensch nur ein zufälliges Produkt der Evolution ist, lässt er nicht gelten.

Weil Vernunft und Religion für den Papst nicht voneinander zu trennen sind, hat er auch den Westen attackiert. Die säkularisierten Gesellschaften, so sein Vorwurf, verhalten sich gegenüber religiös geprägten Kulturen arrogant und unsensibel. Das mache sie unfähig für einen Dialog. Bei solchen Analysen spielte Benedikt an auf den "Kampf der Kulturen" und auf die Konfrontation des Westens mit der Welt des Islam.

Zum Islam äußerte er sich allerdings auch konkret. Im Gespräch mit Bundespräsident Horst Köhler forderte er eine Intensivierung des Dialogs mit Muslimen in Deutschland und deren bessere Integration. Gleichzeitig rief er den Islam und andere Religionen zu einem Dialog der Vernunft auf. Er verurteilte Gewalt als Mittel der Glaubensverbreitung und erteilte darüber hinaus jeder Gewalt im Namen Gottes eine Absage. Einen Heiligen Krieg, einen Dschihad kann es nach Auffassung des Papstes nicht geben, eben weil der Glaube sich vor der Vernunft verantworten muss, das heißt auch offen sein muss für einen Dialog mit der andersgläubigen oder säkularisierten Welt.

Wer spricht die Wahrheit?

Die unterschiedlichen Gottesbilder von Christentum und Islam scheinen für Benedikt das Haupthemmnis im interreligiösen Dialog zu sein. Eine Botschaft dieser Tage könnte demnach lauten: Im Dialog mit dem Islam werden die Akzente neu gesetzt. In den Mittelpunkt rücken muss eine Debatte über die Gottesvorstellungen beider Religionen, von der jede für sich beansprucht, im Besitz der Wahrheit zu sein.

Im übrigen war die Reise des Papstes in seine Heimat erwartunggemäß ein Heimspiel. Bayern ist das Bundesland mit der stärksten katholischen Prägung. Titelte die "Bild"-Zeitung vor anderthalb Jahren nach der Wahl Joseph Ratzingers im Freudentaumel "Wir sind Papst", so gilt dies "Wir-Gefühl" für die bayerische Bevölkerung einmal mehr. Schließlich soll auch Benedikt einmal gesagt haben, dass er in seinem Amt der ganzen Welt gehöre, sein Herz jedoch bayerisch schlage.

Die Katholiken atmen auf

Die Katholiken im Freistaat Bayern haben ihm die Verbundenheit zu seinen Wurzeln gedankt. Wo immer der Papst war, gab es einen nicht überschwänglichen aber herzlichen Empfang. Was er zunehmend genoss. Am ersten Tag seines Besuchs trat er noch eher zurückhaltend und scheu auf. Im Laufe der Tage schien er dann regelrecht aufzublühen. Die Massen, allein jeweils eine viertel Million Menschen bei zwei Gottesdiensten, winkten, schwenkten Fähnchen und jubelten ihm zu. Er schüttelte Hände, küsste Kinder und lächelte viel.

Benedikt XVI. kommt bei den Menschen an. Eine Beobachtung, die von Beginn seines Pontifikats an auch auf die wöchentlichen großen Audienzen im Vatikan zutrifft. Benedikt tritt bescheiden auf. Und er verzichtet im Unterschied zu seinem Amtsvorgänger auf das Moralisieren. Das nehmen nicht nur Katholiken aufatmend zur Kenntnis.

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