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Standpunkt

Kommentar: Der Papst lacht

Der Papst gibt ein Interview - das ist bei Franziskus keine Sensation mehr. Aber das aktuelle Gespräch widerlegt ein bösartiges Klischee: Ein Populist ist dieser merkwürdige Papst gewiss nicht, meint Christoph Strack.

Auch als Journalist darf man mal einen Kollegen loben. Der Wochenzeitung "Die Zeit" ist das erste Interview einer deutschsprachigen Zeitung mit Papst Franziskus gelungen. Aber vor allem: "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat ein scheinbar einfaches und doch so tiefes Gespräch geführt.

Darin räumen beide mit manchem Klischee auf. So ist Papst Franziskus eben - das sagt eines der Klischees über ihn. Er hat dieses Bild ja in diversen Zeitungs-Interviews mit Zeitungen des romanischen Sprachraums schon gepflegt. Und nun? Verheiratete Priester, Unfehlbarkeit, die leidige Kurie - der Papst erdet manches.

Nachdenken über verheiratete Priester

So äußert sich Franziskus zur Frage verheirateter Priester, zur Frage der - wie es im Kirchensprech heißt - "Viri probati". Das wären "bewährte" ältere Männer, die trotz Ehestandes die Priesterweihe empfangen könnten. "Wir müssen darüber nachdenken, ob Viri probati eine Lösung sind", sagt er. Noch vor ein paar Jahren hätten sich junge Laientheologen in manchen deutschen Bistümern mit einer solchen Äußerung jede Berufsperspektive verbaut. Und der ein oder andere alte Kardinal kocht jetzt vermutlich innerlich. Wohlgemerkt, Franziskus sagt nicht: Es wird solche verheirateten Priester geben. Aber er sorgt für Nachdenken, Dialog, Wirbel, Frischluft.

Strack Christoph Kommentarbild App

Christoph Strack ist Kirchenexperte der DW

Franziskus positioniert sich im Vorbeigehen auch zur Frage der eigenen Fehlbarkeit. "Ich bin Sünder und bin fehlbar", meint er. Neu ist das eigentlich nicht. 2015 sprach er zum Beispiel davon, auch der Papst habe seine Fehler, und diese Fehler hätten nichts mit Unfehlbarkeit zu tun. Aber der (theologisch enge) Begriff der Unfehlbarkeit ist leider so überzogen, dass die Worte des Franziskus nun sensationell scheinen.

Beide Punkte lassen erkennen, warum auch wohlmeinende Beobachter manchmal irritiert sind: Es gibt dieses unberechenbar anmutende Element, diese Äußerungen, mit denen Franziskus sich bewusst quer zum vatikanischen System stellt. Das ist sein Weg nach vorne.

Dreizehn Mal findet sich in dem Interview bei Äußerungen von Papst Franziskus der redaktionelle Einschub "(lacht)". Dabei bringt sein Gespräch die ernste Weltlage auf den Punkt. Beides ist kein Widerspruch. Ich kenne, ehrlich gesagt, keinen einzigen Tweet oder keine andere Äußerung, in der einer der wahren Populisten dieser Tage über sich selbst lacht. "Ängste schließen Türen. Die Freiheit öffnet sie. Und wenn die Freiheit klein ist, öffnet sie immerhin ein Fensterchen. (lacht)"

Cover Die Zeit Dossier Papst - Ich bin Sünder und bin fehlbar (Die Zeit)

Der Papst in "Die Zeit"

Trump und Franziskus - zwei Populisten?

Das nachdrückliche Lob dieses Humors, dieser Leichtigkeit hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Mancher amerikanische Kommentator gefällt sich seit dem Einzug von Donald Trump in Weiße Haus darin, den US-Präsidenten und den obersten Katholiken als die zwei "Populisten" der Welt einander gegenüberzustellen. Sehr konservative Katholiken in Deutschland, denen manches Wort, manche Geste oder überhaupt die Leichtigkeit dieses Papstes auf die Nerven geht, nehmen dieses Bild der zwei Populisten gerne auf. Das jedoch ist - ob als Gleich- oder Gegenüberstellung - bösartig. Man kann es nicht anders sagen.

Das Interview mit Franziskus zeigt das Gegenteil eines Populisten. Es zeigt einen menschlichen und in seiner Glaubenstiefe beeindruckenden Geistlichen, der die Freiheit predigen will, der mit sich im Reinen ist und den die großen Probleme und Skandale dieser Welt nicht ruhen lassen. Das mag nicht jener Vorstellung von Papst entsprechen, von der sich Mitteleuropa derzeit immer noch verabschiedet. Aber genau darin ist dieser Franziskus, der nun seit fast vier Jahren im Vatikan sitzt, eine Provokation für die Welt.

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