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Standpunkt

Kommentar: Der Hunger am Horn von Afrika ist kein Klimaphänomen

Hungernde Kinder und ausgebleichte Tierkadaver auf ausgedörrten Feldern. 17 Millionen Menschen sind es allein in Ostafrika, die akut von Hunger bedroht sind. Doch die Katastrophe ist hausgemacht, meint Ludger Schadomsky.

Wenn jetzt die Hilfswerke der Vereinten Nationen um Nothilfe für Dschibuti, Eritrea, Äthiopien, Kenia, Südsudan, Somalia und Uganda bitten, dann fällt eines ins Auge: Es sind dies genau jene Länder, deren korrupte und zynische Politiker besonders wenig von Demokratie halten. Die Menschenrechte mit Füßen treten, und ethnische und religiöse Konflikte für ihren Machterhalt anfachen. 

Somalia? Ist längst kein Staat mehr und rangiert auf dem Korruptionsindex auf dem weltweit letzten Platz. Südsudan? Schwimmt im Rohöl, exportiert stattdessen aber Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge in einer Orgie ethnischer Gewalt. Das kleine Eritrea? Der einstige Hoffnungsträger ist heute das Nordkorea Afrikas, hermetisch abgeschirmt und regiert von einer Clique, die am Schleppergeschäft nach Europa mitverdient.

Äthiopien - ein potenziell reiches Land leidet Not

Kein Land aber verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Bad Governance und Hunger so exemplarisch wie Äthiopien. Das strategisch so wichtige Land am Horn von Afrika ist nicht umsonst die Heimat der Kaffeebohne: der Blaue Nil und zwei Regenzeiten könnten Afrikas zweitbevölkerungsreichstem Land Rekordernten bringen. Stattdessen: Hungersnöte seit den 1970ern, Flüchtlingsströme, aktuell Hunderte tote Demonstranten, Oppositionelle in den Gefängnissen. Wenn 85 Millionen Menschen von der Landwirtschaft leben, die autoritär herrschende Regierung aber Landbesitz verbietet und Saatgut nur an Parteimitglieder verteilt, dann ist das eben ein sicheres Rezept für einen Teufelskreis aus Hunger und Armut. Dies hält die deutsche Bundesregierung freilich nicht davon ab, Äthiopien nach wie vor großzügig zu alimentieren.

Schadomsky Ludger Kommentarbild App

Ludger Schadomsky leitet die Amharische Redaktion

Es steht außer Frage, dass zahlreich externe Faktoren die Nahrungsmittel-Situation vor allem am Horn verschärfen. Der Klimawandel und die damit einhergehende Versteppung fruchtbarer Gebiete eskalieren Ressourcenkonflikte um Weidegründe und Wasser, die Landflucht Hunderttausender Bauern und Viehhirten lässt die Städte explodieren. Der Terror islamistischer Steinzeitkrieger wie der Al-Shabaab in Somalia führt dazu, dass Bauern ihre Felder nicht bestellen können. Doch all diese Faktoren wären - zumal mit koordinierter Hilfe von außen - beherrschbar, gäbe es verantwortungsvolle Politiker. Doch die sind heute in Afrika an einer Hand abzuzählen.

Dieser bitteren Wahrheit muss sich endlich auch die deutsche Regierung stellen. Derzeit wirbt Entwicklungsminister Gerd Müller für einen "Marshallplan mit Afrika", ein ebenso ambitioniertes wie schwammiges Aufbauprogramm für den Nachbarkontinent. Der Unterschied zum ursprünglichen Marshallplan ist freilich, dass die Empfänger im Jahr 1948 den unbedingten Willen hatten,  nach den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges wieder auf die Beine zu kommen.

Keine uneigennützige Hilfe

Der nicht ganz neue Gedanke des deutschen Marshallplanes ist es, durch Investitionen Arbeitsplätze und damit Bleibeperspektiven für junge Afrikaner zu schaffen. Damit ist das Problem schon umrissen: Es handelt sich hierbei weniger um ein Aufbau-, als vielmehr um ein Migrantenabwehr-Programm.

Aber wenn heute Regierungen im Norden, darunter die deutsche, mit Schurkenstaaten wie Äthiopien, Eritrea, Somalia und Sudan dubiose Deals zur Migrantenabwehr schließen - euphemistisch "Migrationspartnerschaften" genannt -, dann leisten sie indirekt Vorschub für die nächste Hungerkrise. Denn Korruption und Menschenrechtsverletzungen - so die Botschaft an die Regierenden in Addis Abeba, Asmara und Mogadischu - werden belohnt.

Die nächste Hungerkrise kommt bestimmt

Wie schon die früheren wird auch diese Hungersnot vorübergehen. Die internationale Hilfsmaschine, längst eine Multi-Milliarden-Industrie in den Geberländern, ist verlässlich angesprungen. Aufnahmezentren für unterernährte Kinder sind eingerichtet, hochangereicherte Kekse werden verabreicht. Doch in wenigen Jahren kommt garantiert die nächste Hungersnot. Immer weniger Zeit bleiben Menschen, Vieh und Böden, um sich zwischen den Zyklen zu regenerieren.

Der landläufige Mythos, der Hunger in Afrika sei ein Klimaphänomen, ist genau das: Ein Mythos. Der Hunger in Afrika, zumal am Horn, ist hausgemacht. Von afrikanischen Politikern und Eliten. Darauf muss die Politik im Jahr der deutschen G20-Präsidentschaft, in dem Afrika eine große Rolle spielen soll, reagieren.

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