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Fußball

Kommentar: Der große Fehler

Fantastisch, einmalig, überragend – die Kommentatoren der Bayern-Spiele überboten sich in dieser Saison mit Superlativen zum Spiel des FCB. Das hat ein Ende. Denn Guardiola machte einen entscheidenden Fehler.

Die Gesichter der Spieler: leer. Die Mimik der Zuschauer im Stadion: traurig. Der Ausdruck der Bayernfans neben mir in der Fußballkneipe: fassungslos. Alle schienen sich gerade zwei Fragen zu stellen: Wie konnte das nur passieren? Und: Ist das wirklich gerade passiert?

Leider ja. Der große FC Bayern, Titelverteidiger in der Champions League, Triplesieger der Vorsaison, Meister in Rekordzeit,

gedemütigt im eigenen Stadion von den Königlichen Real Madrids.

Jener FCB, der in der Liga als unantastbare Übermannschaft auftrat und sich auch in der Königsklasse nur mit einem Ziel zufrieden geben wollte: dem Titel. Aus der Traum, aufgewacht in der harten Realität des Fußballs. Zur Verdeutlichung noch einmal in Worten:

Null zu vier.

Und das vor heimischem Publikum. Das gab es eine gefühlte Ewigkeit nicht in München. Alle rechneten nach dem

0:1 im Hinspiel

mit einer Aufholjagd der Bayern, niemand hatte solch eine historische Pleite erwartet. Und doch gab es ausreichend Anzeichen dafür, dass es diesmal sehr schwer würde, ins Finale einzuziehen. Denn die Probleme im Bayernspiel begannen lange vor diesem denkwürdigen Abend.

Mit dem Erfolg begann das Problem

Sie begannen am 25. März. Ein Tag, der eine Wende markiert in der Saison des FC Bayern. An diesem Tag feierte der FC Bayern München die früheste Meisterschaft in der Geschichte der Bundesliga, setzte das i-Tüpfelchen auf eine beeindruckende Saison - bis dahin - ohne Niederlage in der Liga. Dann: Siegerinterviews, Schulterklopfen, Feierlichkeiten. Das bekannte "Mia san mia"-Gefühl machte sich breit, man feierte sich, war mit sich sehr zufrieden. Inmitten des Freudentaumels ging aber etwas verloren. Unsichtbar, nicht zu greifen, eben noch da, doch nun in der Stunde der Selbstzufriedenheit plötzlich weg: der Flow.

Der ungarische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi definiert ihn als "Zustand höchster Konzentration und völliger Versunkenheit in eine Tätigkeit" und beschreibt damit ziemlich exakt die Bayern vor dem Gewinn der Meisterschaft. Die Bayern nach dem ersten von drei geplanten Titeln wirkten weder konzentriert, noch versunken in ihr Tun. In den Spielen seit dem Titelgewinn kontrollierten sie zwar nach wie vor den Ball, aber weniger den Gegner und die Partie. Ihr Spiel erschien nicht mehr mühelos und einfach, sondern behäbig und ausrechenbar. Die Laufwege wirkten kürzer, die Sprints weniger energisch.

Das Gefühl der Unbezwingbarkeit war plötzlich weg

Die Ursache: Eine von Trainer

Pep Guardiola

öffentlich propagierte und von Sportdirektor Matthias Sammer wortgewaltig verteidigte Künstlerpause für die Spieler - mitten in der laufenden Saison. Von Regeneration war die Rede, vom nicht-verheizen-Wollen, vom Luftholen vor den anstehenden großen Aufgaben. Die Folge: Guardiola wechselte viel, die Mannschaft spielte mäßig bis schwach und die Liga witterte Wettbewerbsverzerrung. Doch auch aus Bayern-Sicht war die selbstverordnete Auszeit bei laufendem Spielbetrieb ein großer Fehler.

Das im Leistungssport so kostbare Gefühl der Unbezwingbarkeit, das Selbstbewusstsein, die sogenannten Automatismen im Passspiel – alles war weg. Der Flow fehlte. Die hektische Suche nach ihm in den letzten Wochen an der Säbener Straße hatte keinen Erfolg. Er blieb unauffindbar. In beiden Spielen gegen Real Madrid spielte Bayern München wie ein Schatten seiner selbst: ideenlos im Angriff, unfähig, aus Ballbesitz auch Torchancen zu kreieren, und in der Abwehr mit eklatanten Fehlern sowie Konzentrationsschwächen.

Vorbild Jupp Heynckes

Dabei hätte es sich Pep Guardiola einfach machen können. Er hätte nur das Konzept seines Vorgängers kopieren müssen: Jupp Heynckes hielt auch nach dem vorzeitigen Meistertitel die Spannung im Team aufrecht und holte schließlich souverän das Triple.

So wird dieser Bayern-Saison trotz aller Rekorde und einem möglichen Double mit einem Sieg im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund (17. Mai) ein großer Makel anhaften. Ein Makel, der übrigens aus Sicht der Psychologie positive Kraft entfalten kann: Er wird die Bayern anspornen, es in der nächsten Saison besser zu machen.

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