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Asien

Kommentar: Der Gewinner ist der Wähler

Nach der hohen Wahlbeteiligung in Afghanistan muss die Staatengemeinschaft rasch weitere Hilfen zusagen, um den Demokratisierungswillen der Afghanen zu unterstützen, meint Florian Weigand.

Porträt von Florian Weigand (Foto DW/Per Henriksen)

Florian Weigand, Leiter der Dari/Paschtu-Redaktion der Deutschen Welle

Es wird noch einige Zeit dauern bis alle Stimmzettel ausgezählt sind, doch der Wahlsieger steht bereits fest: Der afghanische Wähler. Trotz aller Anschlagsdrohungen der Taliban standen die Afghanen in langen Schlagen vor den Wahllokalen an, um ihre Stimme abzugeben. Unzählige Facebook-Posts und Twitter-Tweets zeigen Männer und Frauen aller Ethnien, die stolz ihre Schnappschüsse von der Stimmabgabe präsentieren. Kurzfristig wurde entschieden, dass die Wahllokale länger offen bleiben, um den Ansturm zu bewältigen.

Zweifel an der Wahl wird es geben. Schon jetzt regt sich der Verdacht, in den Wahllokalen seien zu wenig Wahlzettel vorgehalten worden, so dass nicht alle Wähler ihre Stimme abgeben konnten. Ob da mit Absicht manipuliert wurde oder es sich um einen Organisationfehler handelt, werden die nächsten Tage zeigen. Dennoch ist eines festzuhalten: Demokratie ist möglich am Hindukusch. Ein wichtiges Ziel, mit dem die internationale Staatengemeinschaft vor zwölf Jahren angetreten war, ist damit - zumindest im Grundsatz - erreicht. Das darf nicht unterschätzt werden in einer Gesellschaft, die einen demokratischen Machtwechsel noch nie zuvor erlebt hat.

Und auch die Verlierer der Wahl stehen schon fest: die Taliban. Trotz aller Terror-Rhetorik und vereinzelter Angriffe in den Provinzen ist es ihnen nicht gelungen, den Urnengang zu verhindern. Ohne sie wird es zwar auch in Zukunft keine Lösung der Konflikte in Afghanistan geben. Ihr Ruf als eine Bewegung, die auf die heimliche Unterstützung vieler Afghanen bauen kann, ist aber dahin.

Die Gunst der Stunde nutzen

Der Westen, der seinen Blick ernüchtert, ja frustriert schon fast von Afghanistan abgewendet hat, sollte nun auf die Millionen Menschen schauen, die in Kälte und Regen geduldig gewartet haben bis sie ihre Stimme abgeben konnten. Sie verdienen unsere Hilfe auch über den Abzug der ISAF zum Ende des Jahres hinaus. Hat der Westen ein echtes Interesse daran, das Land nachhaltig zu stabilisieren, muss er jetzt die Gunst der Stunde und den Elan der Afghanen nutzen und rasch verbindliche Zusagen in der Entwicklungshilfe machen.

Die Herausforderungen für den Nachfolger Karsais sind enorm: Korruption, Armut, Sicherheit, Frauenrechte und wirtschaftliche Entwicklung sind nach wie vor ungelöste Probleme. Doch auch hier gibt es positive Signale. Der ehemalige Weltbanker Aschraf Ghani, einer der aussichtsreichsten Kandidaten, wirbt mit einem Programm zur Armutsbekämpfung, sein ebenfalls chancenreicher Mitbewerber Abdullah Abdullah mit Rechtsstaatlichkeit. Und der dritte in der Spitzengruppe, Salmai Rassul, hat sich eine Frau als Stellvertreterin ausgesucht. Die Provinz-Gouverneurin Habiba Sarabi ist die bislang einzige Politikerin mit praktischer Erfahrung im Regieren. Auch wegen ihr sind diesmal so viele Menschen zu den Urnen geeilt, darunter überdurchschnittlich viele Frauen, selbst in den konservativen Gebieten an der pakistanischen Grenze oder in Kandahar im Süden.

Das alte Spannungsfeld bleibt

Doch Ernüchterung könnte bald eintreten: Vermutlich wird keiner der Kandidaten im ersten Wahlgang als Sieger hervorgehen. Eine Stichwahl wird nötig werden. Allianzen sind zu schmieden, um alle Kräfte im Land einzubinden. Die Warlords, darunter berüchtigte Kriegsverbrecher, sind nach wie vor stark und werden Forderungen stellen. Einer von ihnen, Rashid Dostum, ist bereits als Vize des möglichen Wahlgewinners Aschraf Ghani vorgesehen.

Außerdem haben die aussichtsreichsten Kandidaten bereits angekündigt, jenes Sicherheitsabkommen mit den USA zu unterzeichnen, das Karsai noch auf die lange Bank geschoben hatte. Es garantiert einen Verbleib amerikanischer Truppen auch nach dem NATO-Abzug Ende des Jahres. Gleichzeitig wollen sie auch mit den Taliban reden, die eben diese ausländischen Soldaten schon seit Jahren bekämpfen. So findet sich auch der künftige Präsident im alten Spannungsfeld wieder, an dem schon Karsai zu scheitern drohte: zwischen den Warlords, den USA und den Taliban.

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