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Asien

Kommentar: Der Friedensnobelpreis bedient die Klischees über den Subkontinent

Die Entscheidung in Oslo, eine Pakistani und einen Inder zu ehren, ist reine Symbolpolitik. Die Weltgemeinschaft hat kein Konzept, zwischen den beiden Atommächten dauerhaft Frieden zu stiften, meint Florian Weigand.

Überall auf der Welt kämpfen Aktivisten für Frieden, Freiheit, Gleichberechtigung, oft unter Einsatz ihres Lebens. Aus tausenden von potenziellen Kandidaten muss das Komitee in Oslo jedes Jahr die ein, zwei oder drei Persönlichkeiten oder - seit einiger Zeit - auch Organisationen auswählen, die als Friedensnobelpreisträger symbolhaft in den Olymp gehoben werden. Woran sich also orientieren? Eine Aufgabe, die sich die Jury schon seit Jahren damit leichter macht, dass sie offenkundig dem Lichtkegel der Medien folgt. War es vor fünf Jahren der damalige Hoffnungsträger Barack Obama, zwölf Monate darauf der chinesische Menschenrechtler Li Xiabo, oder im vergangenen Jahr die Organisation zum Verbot von Chemiewaffen für ihre Arbeit in Syrien - welches Thema oder welche Region auch immer medial im Fokus stand, musste mit einem Nobelpreis unterfüttert werden.

Das war in diesem Jahr nicht anders: Terrorismus und Islamismus, Verfolgung von Christen - Pakistan ist ein Dauergast in den Schlagzeilen. Malala Yusufzai setzt hier einen Kontrapunkt, sticht positiv heraus. Und um angesichts dieser Lobeshymne auf eine Pakistani den Nachbarn nicht zu verstimmen, darf der diplomatischen Balance wegen ein Preisträger aus Indien nicht fehlen.

Die Preisträger haben unter persönlichem Einsatz Großes geleistet

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Arbeit der jungen Malala und ihres Mit-Preisträgers aus Indien, Kailash Satyarthi, verdienen höchsten Respekt. Mit ihnen wurden in diesem Jahr endlich wieder einmal Personen geehrt, die tatsächlich Beachtliches unter hohem persönlichen Risiko geleistet haben - anders als im Fall Obama, als Vorschusslorbeeren verteilt wurden, denen der Preisträger nie gerecht werden konnte. Und schließlich bleibt zu hoffen, dass ihre Projekte in Pakistan und Indien einen nachhaltigen Schub bekommen - auch in Form von Finanzmitteln, die ein dauerhaftes Engagement ermöglichen.

Deutsche Welle REGIONEN Asien Paschtu Dari Florian Weigand

Florian Weigand, Leiter der Paschtu- und Dari-Redaktion der DW

Unter dem Strich scheint es dennoch, dass die Jury wieder einmal medial vermittelten Klischees erlegen ist - diesmal über den Subkontinent. Pakistan ist darin der düstere Hort des Islamismus, in dem Mädchen nicht zu Schule gehen können. Das mag sicher für die Grenzgebiete zu Afghanistan und viele Dörfer auf dem Land stimmen, nicht aber für die großen Metropolen wie Karachi, Lahore, Quetta oder Islamabad. Dort gibt es sogar eigene Elite-Universitäten für junge Frauen. In den großen Städten entscheidet nicht das Geschlecht über die Bildungsaussichten, sondern der Geldbeutel der Eltern.

Indien wiederum gilt als die aufstrebende, weitgehend friedliche, Bollywood-bunte Wirtschaftsmacht - mit einem Schandfleck: Der Wohlstand der Eliten gründet sich auf den Frondienst der unteren Klassen, und dabei vor allem auf der Sklavenarbeit von Kindern. Dass Oslo Kailash Satyarthi, den Kämpfer gegen diese Zustände, als Nobelpreisträger auswählt, passt ins Bild. Vergessen wird dabei aber, dass auch in Indien religiös und sozial motivierte Gewalt, fehlende Bildungsaussichten für Mädchen und Terrorismus zu Hause sind.

Der indische Subkontinent braucht zukunftsweisende Konzepte

Nachdem nun die landläufigen Bilder bestätigt wurden, mag sich der Westen nach der Entscheidung Oslos, die beiden Länder in den Fokus zu nehmen, entspannt zurücklehnen mit dem Gefühl, wenigstens symbolisch etwas für Region getan zu haben. Denn in der realen Politik fehlen zukunftsweisende Konzepte für den Subkontinent. Die aber bitter nötig wären: Seit 1947 schwelt der Konflikt um Kaschmir. Indien und Pakistan sind zwei hochgerüstete Atommächte, die ungehindert daran arbeiten, ihre nukleare Schlagkraft zu verbessern. Rund 1,5 Milliarden Menschen leben in den beiden Ländern, die sich feindlich gegenüber stehen und noch immer mit Armut, Terrorismus und sozialer Ungerechtigkeit zu kämpfen haben.

Die USA und die EU haben aber nur geringes Interesse, die Probleme zwischen den beiden Ländern zu lösen, solange es nicht zum heißen Krieg kommt. Pakistan ist wichtig, aber nur im Zusammenhang mit Afghanistan. Indien ebenso, aber nur aus ökonomischer Sicht. Das ist keine regionale Perspektive. Hoffen wir, dass der diesjährige Nobelpreis die Weltgemeinschaft dazu bringt, sich genauer mit dem Subkontinent zu beschäftigen und an der Aussöhnung der Dauerfeinde zu arbeiten. Dann würde dieser Friedensnobelpreis - wenn auch auf Umwegen - wirklich dem Frieden dienen.

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