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Kommentare

Kommentar: Der Brexit-Blues

Erst waren die Briten überrascht vom Ergebnis des Referendums. Dann folgte der Schock, der inzwischen Frustration gewichen ist. Birgit Maaß aus London bilanziert eine Woche, die das Land verändert hat.

Großbritanien Brexit-Gegner demonstrieren gegen EU-Austritt des Landes

Seit dem Referendum sind auch die EU-Befürworter sichtbar: Demonstration gegen den Brexit

Was für ein Schlag. Ein Land zerbricht, ist gespalten zwischen jung und alt, Stadt und Land, zwischen denen, die in der EU bleiben wollen, und denen, die unbedingt raus wollen. Eine Woche ist seit dem Referendum vergangen und noch immer fühlt es sich jeden Morgen beim Aufwachen so an, als sei jemand gestorben: Ein Fall von "Brexit Blues".

Seit 16 Jahren lebe ich schon als Deutsche in London, hier habe ich meinen Mann kennengelernt, unsere Kinder zur Welt gebracht. Ich bin zu Hause im Vereinigten Königreich: Wenn die Hälfte des Landes den Brexit gewählt hat, hat sie damit auch gegen jemand wie mich gestimmt?

Bleibt die Weltstadt London weltoffen?

London empfängt jeden mit offenen Armen - so jedenfalls habe ich das bisher immer empfunden. Aber wird das auch in Zukunft der Fall sein? Direkt nach der Abstimmung wurde das polnische Kulturzentrum in London angegriffen, Briten mit asiatischem Hintergrund und EU-Bürger berichten von rassistischen Übergriffen. Eine Freundin schickte ein Foto: "F... the EU", ein Graffiti auf dem Firmenschild der Deutschen Bank in London. Natürlich ist es eine Minderheit, die so radikal ist. Aber diese Minderheit ist lauter als je zuvor.

Maaß Birgit Kommentarbild App PROVISORISCH

Birgit Maaß ist DW-Korrespondentin in London und lebt seit 16 Jahren in der Stadt

Es gab viele Gründe, für Brexit zu stimmen, nicht alle haben mit Einwanderung zu tun. Freunde von mir wollten raus aus der EU, sie sind keine Rassisten, sie wollen nicht, das ich das Land verlasse. "Es ist doch nicht gegen Euch gerichtet" - das wird uns Europäern in Großbritannien immer wieder versichert. Am Tag nach dem Referendum war ich vor dem Parlament, berichtete für die Deutsche Welle. Ein junger Mann kam vorbei und sprach mich an: "Ich schäme mich für mein Land", sagte er. Genau die gleichen Worte benutzte ein paar Tage später meine Nachbarin. "Hoffentlich verlieren sie bei der Europameisterschaft", stichelte mein Mann - dieser Wunsch wurde ihm dann erfüllt. "Wir" gegen "die Anderen" - ist das von jetzt an unsere Realität?

Auch eine Woche nach der Abstimmung habe ich mich immer noch nicht an diesen neuen Zustand gewöhnt. Wie um Himmels willen konnte es nur dazu kommen?

Natürlich hat Großbritannien Probleme

Wo ich lebe, mitten in London, dauert es vier Wochen, um einen Termin beim Arzt zu bekommen, für Fachärzte sogar noch länger. Wenn man einen dieser begehrten Termine ergattert hat, sitzt man im Wartezimmer und hört alle möglichen Sprachen. Mieten sind unbezahlbar. Wer in London ein Haus oder eine Wohnung kaufen will, muss dafür Millionen auf den Tisch legen. Es liegt nahe, Migranten verantwortlich zu manchen und nicht den Kapitalzufluss aus Russland, Asien oder dem Nahen Osten. Es liegt nahe, zu vergessen, dass EU-Einwanderer unter dem Strich mehr an Steuern zahlen als sie an Sozialleistungen in Anspruch nehmen, und dass es die Sparpolitik der Regierung ist, die den Druck auf Schulen und Gesundheitssystem erhöht hat. Die Brexit-Befürworter jedenfalls haben all diese Tatsachen ignoriert.

Es fühlt sich an, als würde dieses Land, das bis vor kurzem als eine der stabilsten Demokratien der Welt galt, geradezu implodieren: Regierung und Opposition sind ohne Führung, aus der Wirtschaft kommen täglich neue Schreckensmeldungen, die Demagogen tanzen auf den Tischen. Schottland und Nordirland überlegen, ob sie sich abspalten.

Die Unruhe nach dem Referendum

Es herrscht Unruhe, Unzufriedenheit. An diesem Wochenende wird es in verschiedenen Städten Demonstrationen gegen den Brexit geben, und ich fürchte, dass nicht alle friedlich verlaufen werden.

Und wie schade, dass sich solche pro-europäischen Gefühle nicht vor dem Referendum Bahn gebrochen haben. Die Europa-Befürworter hatten nicht viel Gutes über die EU zu sagen, ihre Hauptbotschaft bestand darin, Angst zu schüren, dass das Land einen Austritt wirtschaftlich nicht verkraften könne. Arron Banks, einer der Financiers der Brexit-Kampagne, gab im Nachhinein damit an, auf Gefühle gesetzt zu haben, während die Europa-Freunde lediglich Fakten präsentiert hätten.

Die Anti-Europäer hatten Emotionen - die Europa-Freunde hatten Statistiken. Und die Brexit-Befürworter hatten kein Problem damit, sich ihre Fakten zurechtzulegen, wie es ihnen passte: Bis zum Schluss fuhr ein Bus durch das Land, beschriftet mit der Behauptung, dass Großbritannien jede Woche 350 Millionen Pfund nach Brüssel schicke. Kein Wort davon, dass rund die Hälfte davon direkt ins Land zurückfließt.

Ratlose Gewinner

Jetzt wird deutlich, dass die EU-Gegner überhaupt keine Vorstellung davon haben, wie genau ein unabhängiges Großbritannien aussehen soll. Und sicher ist schon jetzt, dass das eingesparte Geld nicht in neue Krankenhäuser fließen wird, wie während des Wahlkampfes behauptet wurde.

Wenn es einen neuen Premierminister gibt, wird seine oder ihre Aufgabe vor allem darin bestehen, mit Brüssel zu verhandeln. Vielleicht hat Boris Johnson, bis vor kurzem der Favorit, erst jetzt realisiert, was für eine riesige Aufgabe das sein wird, und daher seine Kandidatur zurückgezogen. Die Suppe, die er dem Land eingebrockt hat, will er nun nicht auslöffeln.

Der künftige Sündenbock: die EU!

Wird Großbritannien, wie von Johnson und seinen Kameraden behauptet, tatsächlich auch künftig Teil des Binnenmarktes sein? Die Signale aus Brüssel gehen in eine andere Richtung. Es ist abzusehen, wem die Schuld gegeben werden wird, wenn die Verhandlungen nicht nach den Wünschen der konservativen Regierung verlaufen: Wieder einmal der EU, ihr wird vorgeworfen werden, Großbritannien abstrafen zu wollen.

In diesen Tagen finden die Gedenkveranstaltungen zur Schlacht an der Somme statt, einer der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkrieges. Leider hat in Großbritannien kaum jemand darauf hingewiesen, dass die EU auch ein Garant für Frieden auf unserem gemeinsamen Kontinent ist. Wäre das nicht versäumt worden, dann hätten wir wahrscheinlich jetzt keinen Brexit-Blues.

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