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Standpunkt

Kommentar: Der Boom geht weiter - nur wie lange noch?

Deutsche Wirtschaftsforscher malen ein rosarotes Zukunftsbild an die Wand. Der Aufschwung geht weiter, heißt es. Das haben sie schon einmal getan - und dann kam die Lehman-Pleite, warnt Henrik Böhme.

Rückblick ins Jahr 2007: Die deutsche Wirtschaft befindet sich seit zwei Jahren in einem kräftigen Aufschwung, notieren die Wirtschaftsforscher in ihrem damaligen Gutachten. Und auch, wenn "jüngste Turbulenzen an den Finanzmärkten" einen Dämpfer für die Konjunktur bedeuten könnten, so träfe dies die deutsche Wirtschaft doch nicht in einer "labilen Situation". Ergo: Das Wachstum gehe weiter, Spannungen, die früher einen Abschwung oder "gar eine Rezession" ausgelöst hätten, zeichneten sich nicht ab. Das Problem: Die Risse, die der Weltfinanzmarkt zu diesem Zeitpunkt bereits hat, wurden komplett falsch eingeschätzt. 

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Ein Jahr später führte die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers zu einer Beinahe-Kernschmelze des Weltfinanzsystems. Im Jahr darauf, 2009, schrumpfte die deutsche Wirtschaft um nie dagewesene fünf Prozent.

Dieser kurze Ausflug in die jüngere Geschichte soll zeigen, wie schmal der Grat ist, auf dem die Forscher auch mit ihrem jüngsten Gutachten wandeln. Aufschwung, Aufschwung, Aufschwung: So lässt sich das neueste Papier zusammenfassen. Die deutsche Wirtschaft "ist nicht zu stoppen", titeln die Schlagzeilen. Risiken? Irgendwo? Höchstens könnte der Fachkräftemangel zum Problem werden. Dann wäre ja alles in Butter - und die neue Bundesregierung, egal welcher Couleur, kann die Dinge einfach so weiter laufen lassen.

Boehme Henrik Kommentarbild App

Henrik Böhme, DW-Wirtschafstredaktion

Am besten: Weglegen!

Die künftige Regierung sollte den Wälzer beiseite legen. Denn das Gutachten ist ein Narkotikum. Es vernebelt den Blick auf eine Unmenge an Problemen, die in acht Jahren Großer Koalition einfach liegen geblieben sind. Und es vergisst die Risiken, die allenthalben in der Weltwirtschaft schlummern.

Fangen wir in Deutschland an. Das sture Beharren von Wolfgang Schäuble auf der "Schwarzen Null", also einen ausgeglichenen Haushalt, hat zu einem gigantischen Investitionsstau geführt. Autobahnen, Straßenbrücken, das Eisenbahnnetz: Überall bröselt und bröckelt es. Was die viel beschworene Digitalisierung betrifft, ist Deutschland bestenfalls im Mittelfeld. Bei der Bildung sieht es nicht viel besser aus. Zu wenig wirklich top-ausgebildete Lehrer, zu wenig top-ausgestattete Schulen, zu wenige Universitäten, die es wirklich im weltweiten Vergleich mit den Besten aufnehmen könnten. 

Risiko Schuldenblase

Schließlich die weltwirtschaftlichen Risiken. In einer am Mittwoch veröffentlichen Studie der Allianz-Versicherung ist zu lesen, dass das Geldvermögen der Menschheit weiter gewachsen ist, auf mittlerweile 170 Billionen Euro. Das ist keine Überraschung, denn dass es mehr wird, dafür sorgt schon die Inflation. Und dass es ungerecht verteilt ist, weiß auch jeder. Die viel spannendere Zahl findet sich weiter hinten. 40 Billionen Euro: So hoch sind die Schulden der privaten Haushalte. Das ist ein Plus von über fünf Prozent im Vergleich zum Jahr davor. Damit haben die Welt-Schulden erstmals seit der Finanzkrise wieder stärker zugelegt als die Welt-Wirtschaftsleistung.

Schulden werden überall gemacht. Aber was Anlass zur Sorge gibt, sind einige asiatische Länder, die sich in der aktuellen Niedrigzinsphase exorbitant verschuldet haben. In China sind es vor allem staatlich kontrollierte Unternehmen, die unter einer gigantischen Schuldenlast ächzen. Dazu kommt eine durchaus beachtliche Immobilienblase und eine Menge Aktienbesitzer, die ihre Aktien auf Pump gekauft haben. Ein höchst ungesunder Cocktail. Wenn diese Blasen platzen, soviel ist sicher, dann werden die Schockwellen bis nach Deutschland reichen.

An die Arbeit!

Gegen die China-Blasen können sie in Berlin nicht viel tun, die künftigen Koalitionäre. Aber sie müssen ihre Wahlversprechen einlösen. Freilich nicht das CDU-"Weiter so!". Sondern das, was Grüne und Liberale wollen: massive Investitionen in Bildung und Digitalisierung. Eine Energiewende, die wirklich ihren Namen verdient. Die Aussöhnung von Ökonomie und Ökologie. Das sind wirklich gewaltige Aufgaben. Aber nur so wird Deutschland fit für die Zukunft. Man sollte den wirtschaftlichen Schwung nutzen. Ansonsten sind die ach so schönen Zahlen aus dem Gutachten der Wirtschaftsforscher ganz schnell Makulatur.

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