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Standpunkt

Kommentar: Der Aufstand der Wütenden

Die Massen hinter Donald Trump sind identifiziert. Es sind Verwandte im Geiste mit den AfD-Wählern. Die Bewegung der Unzufriedenen ist auch für Deutschland ein brisantes Thema, meint Volker Wagener.

Den "bösen Wutbürger" gibt es in Deutschland schon seit einigen Jahren. Pegida und vor allem die Alternative für Deutschland (AfD) artikulieren den teils unbändigen Zorn über die Berliner Politik im Allgemeinen und das Flüchtlingsthema im Besonderen.

Bis zum Trump-Triumph hat sie die Politik und die Mehrheit der veröffentlichten Meinung vielfach moralisch diskreditiert. Nun dämmert vielen, dass nicht alle rechts von der Mitte Rassisten oder Rechtsextreme sind. Die Wutbürger sind das vorläufige Resultat einer maximalen Entfremdung zwischen Führungselite, den etablierten Medien und Teilen des Volkes. Sie werden von den großen Parteien, die den Anspruch haben, das Volk zu repräsentieren, kaum beachtet, also auch nicht vertreten.    

Die Nation ist kein Schutzraum mehr

Und als dann der unkontrollierte Zuzug von rund einer Million Flüchtlingen ins Land begann, schürte das Ängste gerade bei denen, die sowieso schon in wirtschaftlich prekären Verhältnissen leben: bei Arbeitslosen, Beschäftigten im Niedriglohnsektor und gering verdienenden Familien. Vor diesem Hintergrund sind die bereitwillig aufgebrachten Finanzmittel zur Aufnahme der Flüchtlinge zwar humanitär notwendig, in ihrer politischen Wirkung aber verheerend gewesen. Und auch der zeitweise Kontrollverlust der Staatsmacht verletzte das Schutzbedürfnis bei vielen - insbesondere in bürgerlich-konservativen Kreisen.

Tatsache ist: Die Rolle des Staates als sorgender Hausvater ist beschädigt. In einer Zeit, in der die Politik Jahre benötigt, um einen Mindestlohn einzuführen, in der die Rentenerwartungen ins Bodenlose stürzen, wurde die großzügige Flüchtlingsaufnahme ein Reizthema in weiten Teilen der Bevölkerung.  

Wagener Volker Kommentarbild App

DW-Redakteur Volker Wagener

Darüber hinaus ist in Deutschland seit Jahren Unmut gegen die Konsens- und Wohlfühl-Oase Berlin zu spüren, in der jeder als homophob beschimpft wird, der nicht für die Homo-Ehe ist. Gerade die Mainstream-Medien geben mit Monotonie und Einseitigkeit in ihrer Berichterstattung vor, wie denn bitte schön gedacht werden soll. Das ist nervend, weil so plump pädagogisch. Ein vergleichbares Phänomen hat die US-Wahl mit entschieden: Viele Trump-Wähler in der US-amerikanischen Provinz, im Süden und Mittleren Westen, hatten es satt, von den Eliten der West- und Ostküste als Hinterwäldler verunglimpft zu werden.

Multikulti - Ein akademisches Glaubensbekenntnis  

Nichts unterstreicht das besser, als das Bekenntnis zur multikulturellen Gesellschaft, das längst zum Gesinnungsinventar der politisch Korrekten gehört. Es ist nicht von unten gewachsen, sondern wurde als moralisch höherwertig von oben ausgerufen. Vor allem von denen mit akademischen Abschlüssen, von Städtern, von Linksliberalen im weitesten Sinne. Es entspricht ihrem Lebensgefühl, beim Inder essen zu gehen, im Ökoladen einzukaufen, den Müll konsequent zu trennen und statt des Pauschalurlaubs auf Mallorca lieber Heilfasten im Schwarzwald zu buchen.

Das alles und vieles mehr hat mit der Alltagsrealität der sozial Frustrierten nichts zu tun. Wer in der halb entvölkerten ostdeutschen Provinz ohne Job und ohne Bäcker und Apotheke zurechtkommen und 50 Kilometer zum Arzt fahren muss, der hat für die verordnete Willkommenskultur aus dem schicken Multikulti-Berlin kein Verständnis. Mehr noch: Er fühlt sich betrogen.

Erste Bürgerpflicht: Politisch korrekt sein

Politische Korrektheit, sozusagen der Verhaltenskompass unserer Gesellschaft, geht mehr und mehr Menschen auf die Nerven. Wer sich gegen den Mainstream stellt, braucht innere Stärke. Und die hat nicht jeder. Der gut gemeinten und moralisch ehrenwerten Parole "Wir schaffen das!" mit den Flüchtlingen, durfte lange nicht widersprochen werden. Es sei denn zum Preis eines Shitstorms über die sozialen Netzwerke. Und wer sich vor lauter Existenzkampf nicht auch noch für die Durchsetzung der Frauenquote interessiert, der steht sowieso schon im politischen Abseits. Es ist schon so: Auch bei uns ist die Gesellschaft inzwischen tief gespalten. Frei nach Willy Brandt könnte es an der Zeit sein, endlich mehr Pluralismus zu wagen. Die pädagogischen Standpauken bisheriger Prägung sind einer aufgeklärten Demokratie des 21. Jahrhunderts jedenfalls nicht würdig. Wenn Politik und Medien das nicht bald beherzigen, dann kommt noch was auf uns zu - spätestens 2017, wenn gewählt wird.       

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