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Standpunkt

Kommentar: Der Aufstand der französischen Grauen

Die Politik von François Hollande war vieles, nur nicht links. Das am Sonntag zu erwartende Wahldesaster gibt Frankreichs Sozialisten nun die Gelegenheit, sich programmatisch zu erneuern, meint Kersten Knipp.

Der konservative Präsidentschaftskandidat François Fillon kann von sich sagen, er habe immerhin noch Glück im Unglück gehabt. Die Empörung, die über ihm zusammenschlug, als bekannt wurde, dass er über Jahre Frau und Kindern für offenbar recht überschaubare Leistungen ausgesprochen ansehnliche Honorare aus öffentlichen Mitteln zuschusterte, mündete in einen vergleichsweise milden Stimmenrückgang. Mit einem Wählerzuspruch von derzeit 20 Prozent liegt er nur wenig - knapp sechs bis sieben Prozentpunkte - hinter jenem Zwischenstand, den er vor Bekanntwerden des Skandals erzielte. Seine Wähler werteten sein Verhalten offenbar "nur" als rechtliches Missverhalten - und nicht als ideologische Untreue, die man ihm, dem bekennenden Katholiken, durchaus auch vorwerfen könnte. Christliche Lehre und langjähriges Tun standen in seinem Fall zumindest in auffälliger Spannung zueinander.

Was hingegen passiert, wenn man ideologischer Verfehlungen bezichtigt wird, musste sein Konkurrent, Benoît Hamon, der Kandidat der Sozialisten, erfahren. Zwar traf der Vorwurf nicht ihn persönlich, sondern seine unter Präsident François Hollande seit fünf Jahren regierende Partei insgesamt. Aber genützt hat es nicht: der persönlich durchaus integre Hamon liegt in den Umfragen derzeit bei gerade acht Prozent.

Multikulti und kulturelle Ächtung

Knipp Kersten Kommentarbild App

DW-Autor Kersten Knipp

Damit zahlt er die Quittung für eine Politik, die seiner Partei in den vergangenen Jahren einen fatalen Ruf eingebracht hat, nämlich den der politischer Prinzipienlosigkeit. Sie galt und gilt zwar dem Namen nach als sozialistisch - aber schon lange nicht mehr als links. Jedenfalls nicht mehr in dem Sinne, dass sie eine entsprechende Programmatik verfolgt. Diese führte sie zwar gelegentlich im Munde, verzichtete aber darauf, sie umzusetzen.

Unter den Sozialisten wurde stattdessen ein anderes Thema groß: die multikulturelle Gesellschaft. Zuwanderung und Integration, Hingabe an das „Fremde" auf der einen Seite und auf der anderen das Gefühl, im eigenen Land nicht mehr zu Hause zu sein: Die Debatte um Wohl und Wehe der pluralen Gesellschaft erregte die Franzosen wie kein anderes Thema.

Dem Land tat das nicht gut. Denn die ideologischen Fronten verliefen parallel zu den sozialen. Die Apologeten des Multikulturalismus zählen nahezu ausschließlich zu den besser situierten Schichten, während viele, denen diese Euphorie fremd ist, ganz andere Sorgen haben - allen voran die um die eigene Existenz. Zudem hatten sie sich damit abzufinden, dass sie im schicken Milieu der selbst ernannten Avantgarde als Hinterwälder gelten. Sie standen und stehen für jene, denen die Schönheit der bunten Republik schlicht nicht zu vermitteln ist. Die Folge: Zur ökonomischen Not gesellte sich die kulturelle Ächtung.

Die Bunten und die Grauen

Der Sozialgeograf Christophe Guilluy hat auf diesen Riss in mehreren viel beachteten Büchern hingewiesen. Vehement kritisiert er die Verhärtung der Debatte ins Ideologische, die Verwandlung von Politik in Ideologie und Lebensstil. „Auf der einen Seite die Modernen, diejenigen, die den Sinn der Geschichte verstanden haben, die den Anderen respektieren, und auf der anderen die einfachen Schichten, die Geringqualifizierten, die Kleingeister, die Menschen ohne Diplom."

Seit Jahren warnt Guilluy vor einer Radikalisierung der Abgehängten. Immerhin ein Fünftel der Franzosen ist derzeitigen Umfrageergebnissen zufolge bereit, dem Front National die Stimme zu geben und in Frankreich und Europa in jeder Hinsicht tabula rasa zu machen.

Triumphieren wird Marine Le Pen aller Voraussicht nach am Ende nicht: Der sozialliberale Emanuel Macron rangiert derzeit knapp vor, der weit links stehende Jean-Luc Mélenchon knapp hinter ihr. Doch für wen auch die Franzosen sich am Ende entscheiden werden: Der Wahlausgang  ist für die Sozialisten jetzt schon ein Denkzettel. Er erinnert sie daran, dass eine Republik zwar "bunt" sein darf, sich deren politische Führung aber auch gerade um die kümmern muss, deren Existenz ökonomisch und kulturell grau in grau ist.

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