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Politik

Kommentar: Demokratie ist kein Hustensaft

Es war ein Schock für die ganze westliche Welt. Doch längst ist die allseits beschworene Solidarität nach 9/11 dahin. Die Bekämpfung des Terrors gestaltet sich wesentlich schwieriger als gedacht. Eine Bilanz.

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Demokratie lässt sich nicht verordnen wie Hustensaft gegen Erkältung. George W. Bush glaubte nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 einige islamische Staaten im Schnelldurchgang zum politischen System des Westens bekehren zu können - notfalls mit Gewalt. Sechs Jahre später muss diese Idee als gescheitert betrachtet werden. Kein Tag, an dem nicht im Irak Bomben Unschuldige in den Tod reißen. Kein Tag, an dem es nicht zu blutigen Kämpfen mit den Taliban in Afghanistan kommt. Immer noch suchen die USA nach einer adäquaten Antwort auf 9/11.

Miodrag Soric

Miodrag Soric

Was ist mit dem Drahtzieher des Terrorangriffs, Bin Laden? Selbst wenn der Erzfeind gestellt werden würde: Es wäre nicht das Ende von Al Kaida. Bin Laden studierte einst Wirtschaftswissenschaften – und hat dabei offensichtlich viel über den Aufbau von Organisationen gelernt. Seine "Terror-Holding" umfasst längst Dutzende von Staaten – von Bosnien über den Jemen und Pakistan hin bis nach Indonesien. Al Kaida passt sich inzwischen den jeweiligen Gegebenheiten an, verfügt über enorme finanzielle und personelle Ressourcen. Zudem hat das Terrornetzwerk keine eigentliche Zentrale. Das erschwert es, dagegen vorzugehen.

Der Anti-Amerikanismus wächst

Al Kaida spricht Muslime überall auf der Welt an. Können die Menschen immunisiert werden gegen die Krankheit des Fundamentalismus? Und wenn ja, wie? Obwohl die Täter des 11. September und auch die jetzt in Deutschland festgenommenen Verdächtigen diesem Muster nicht entsprechen: Fundamentalismus und Radikalismus wachsen, wo Menschen in Armut und Perspektivlosigkeit verharren müssen. Fundamentalismus und Radikalismus gedeihen, wo es den Menschen an Bildung mangelt. Die US-Truppen bekämpfen weder Armut noch den Mangel an Bildung in muslimischen Staaten, sie sorgen noch nicht einmal für Sicherheit. Und im Irak, in Afghanistan wie auch in anderen muslimischen Ländern wächst der Anti-Amerikanismus.

Zeitenwende für den Westen

Bin Laden hat mit dem Angriff auf die USA eine Zeitenwende eingeleitet. Den politisch Verantwortlichen überall auf der Welt ist klar geworden, dass die meisten muslimischen Staaten überfordert sind: Es gelingt ihnen nicht, ein immer größer werdendes Heer von jungen Männern in Arbeit und Brot zu bringen. Die Wirtschaft vieler traditionell islamischer Länder ist nicht wettbewerbsfähig, die Verwaltung korrupt. Viele fühlen sich als Verlierer des immer schärfer werdenden Wettbewerbs. Nur wenige arabische Staaten schwimmen im Geld durch die Öl-Exporte. Doch auch dort wächst die Unzufriedenheit mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen.

Die Welt scheint im Zuge der Globalisierung komplizierter geworden zu sein. Zumindest suggerieren das die Medien. Und bei immer mehr Menschen wächst die Sehnsucht nach einfachen Antworten auf das kaum noch zu überblickende Weltgeschehen. Schwarz-Weiß-Maler und Demagogen, besonders unter den religiösen Führern, verzeichnen regen Zulauf. Millionen Menschen vertrauen ihnen - oft zu unrecht. Aufklärung tut Not. Das ist aber mühsam und kostet Zeit. Viele Politiker, darunter eben auch Bush, hofften mit dem Einsatz von Gewalt schneller zum Erfolg zu kommen. Die Wirklichkeit zeigt aber: Demokratie lässt sich nicht verordnen, auch nicht einimpfen.