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Migrationsdebatte

Kommentar: Das Zahlenspiel mit der Angst

Asylbewerber stehen laut Statistik immer häufiger unter Tatverdacht. "Da gibt es nichts zu beschönigen", sagt Bundesinnenminister de Maizière. Es gibt aber auch nichts zu dramatisieren, meint Marcel Fürstenau.

Populisten und Extremisten kommen voll auf ihre Kosten: Die Zahl der mutmaßlich straffällig gewordenen Asylbewerber ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr um satte 52,7 Prozent gestiegen. Das ist Wasser auf die Mühlen all jener, die Flüchtlingen und pauschal den Ausländern alles Schlechte zutrauen. Menschen mit diesem schlichten Weltbild gibt es nicht nur bei der immer weiter nach rechts rückenden AfD und ihren Anhängern. Sie sind laut Studien bis weit in die sogenannte Mitte der Gesellschaft anzutreffen. Ein Befund, den es schon lange vor der Flüchtlingskrise gab.

Alles halb so schlimm also? Keinesfalls, denn die dramatische Zahl ist ja keine böswillige Erfindung. Sie stammt aus dem "Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2016", den Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Montag in Berlin vorstellte. Wenn der Christdemokrat deshalb sagt, es gebe da "nichts zu beschönigen", hat er vollkommen recht. Das gilt aber auch für seinen warnenden Hinweis, Flüchtlinge nicht pauschal zu diskreditieren. Zumal die vorgelegte Statistik lediglich Tatverdächtige ausweist, keine verurteilten Täter.

Kommentarfoto Marcel Fürstenau Hauptstadtstudio

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

Aufschlussreich sind auch andere Aspekte, die bei einem bloßen Blick auf grelle Schlaglichter von interessierter Seite gerne übersehen werden. Dazu gehört der ebenfalls vom Innenminister stammende Hinweis, schutzbedürftige Syrer seien verhältnismäßig seltener kriminell als Zuwanderer aus anderen Staaten. Vor dem Hintergrund, dass die allermeisten Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland stammen, ist das ein durchaus wichtiges Detail. Oder der ebenfalls statistisch belegte Fakt, dass ein Großteil der Einwanderer 18- bis 21-jährige Männer sind. In dieser Altersgruppe ist - noch eine von de Maizière erwähnte Zahl - unter Deutschen die Kriminalitätsrate viermal höher als in der Gesamtbevölkerung.

Nicht nur die AfD könnte in Versuchung geraten

Man muss sich also schon das gesamte Bild anschauen, um zu einer profunden Einschätzung zu gelangen. Der deutsche Innenminister hat sich große Mühe gegeben, das komplexe Zahlenmaterial nüchtern zu interpretieren. Dazu gehören klare Ansagen wie die: "Wer keines Schutzes bedarf, hat auch kein Recht darauf, in unserem Land zu bleiben." Ihn dafür zu kritisieren, wäre wohlfeil. De Maizière zitiert damit indirekt nichts anderes als die gültige Rechtslage. Wer die ändern will, muss sich um entsprechende Mehrheiten kümmern.

Man darf dem Innenminister wegen seiner harten Linie gegenüber Flüchtlingen vorwerfen, kaltherzig zu sein. Ob er es wirklich ist, sei mal dahingestellt. All jene aber, die Zuwanderer zum Sicherheitsrisiko Nummer eins hochstilisieren, wollen de Maizière absichtlich falsch verstehen. Für sie ist die Kriminalstatistik nur ein willkommenes Scheinargument für ihr Spiel mit der Angst. In einem Jahr mit Bundestagswahlen könnten dafür auch andere Parteien als die AfD anfällig sein. Es ist an ihnen, mit dem Thema verantwortungsbewusst umzugehen.

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