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Standpunkt

Kommentar: Das war kein Duell

Nach dem einzigen direkten Aufeinandertreffen von Merkel und Schulz im Wahlkampf ist klarer denn je: Bitte keine große Koalition mehr! Das jedenfalls wünscht sich DW-Redakteur Christoph Strack.

Das war kein Duell. Und es war kaum ein Schlagabtausch. Das sogenannte "TV-Duell" der großen deutschen Fernsehsender, das fünfte insgesamt, war das wohl schwächste seit der Premiere 2002. Es sagte so vieles aus über die deutsche Politik wie über das deutsche Fernsehen.

Mit statt gegen

Angela Merkel gegen (oder präziser: mit) Martin Schulz. Das Fernsehgespräch von zwei - in der Bundesregierung als Koalition verbundenen - politischen Gegenspielern mit vier Journalisten blieb ein Gespräch ohne Publikum. Nicht nur da draußen im Studio Adlershof vor den Toren Berlins.

Die soziale Lage in Deutschland, in der es ja Spannungen gibt trotz boomender Wirtschaft, kam kaum zur Sprache: die schwieriger werdende Lage vieler Familien, die Herausforderung (auch die Chancen) durch Digitalisierung und Globalisierung für Jobs und Bildung.

Christoph Strack (Foto: DW)

Für die DW in Berlin: Christoph Strack

Stattdessen ging es zu lange (und zu Beginn mit wiederholten Rückblicken ins Jahr 2015) um die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen. Sicher, da müssen sich die Politiker auch der Wut stellen, die es hier und da im Lande gibt. Aber da prallte doch wieder Populismus auf die Akribie der politischen Alltagsarbeit.

Daneben waren einige außenpolitische Aspekte bemerkenswert. Erstens: die Türkeipolitik. Beide, CDU-Chefin und SPD-Chef, kündigten einen Kurswechsel an: Keine Verhandlungen mehr über eine Zollunion, keine weiteren EU-Beitrittsverhandlungen mehr! Die SPD wollte lange den EU-Beitritt offenhalten, die Union wollte ihn irgendwie verhindern. Und angesichts des Autokraten in Ankara, der Deutsche als Geiseln nimmt, ändert sich die deutsche Türkei-Politik nun deutlich.

Zweitens: die aktuelle Eskalation in Nordkorea, die schlimmstenfalls zu großem Krieg führen kann - da konnte Merkel einfach souverän ihre Erfahrung ausspielen und mal eben auf anstehende Telefonate mit Moskau, Peking, Tokio, Seoul, Washington verweisen.

Drittens: Merkel und Schulz finden es schlecht, dass die Fußball-WM 2022 in Katar stattfindet. So deutlich hört man das selten. Man sollte sie daran erinnern, wenn Politiker demnächst mal wieder mit Wirtschaftsvertretern dorthin reisen.

Versandet im Irgendwo

Wenn die 97 Minuten dieses Abends eins gezeigt haben, dann das: Deutschland braucht keine große Koalition mehr. Bitte nicht. Da wohnen zwei Parteien seit langem, zu lange in einem Doppelhaus. Sie können sich längst nicht mehr leiden. Auch an diesem Abend zeigen sie: Jeder kennt die Pannen und krumm gezogenen Wände in der Hälfte des anderen. Demokratie braucht eine starke Regierung, ja. Aber Demokratie braucht auch eine starke Opposition. Und ein Duell ohne Opposition versandet im Irgendwo. Das wurde wieder deutlich.

In Deutschland gibt es seit 2005 lediglich ein einziges Fernsehduell der Großen. Das ist auch gut so - denn das deutsche System ist eine bewährte parlamentarische Demokratie, keine Präsidialdemokratie (Trump wurde auch durch eine Vielzahl von TV-Duellen nach oben gespült). Das deutsche System kennt die Wahl von Parteien, nicht von Regierungschefs. Und zur parlamentarischen Demokratie gehören Programmarbeit und die Mitsprache von Opposition. Beides kam an diesem Abend, der zig Millionen Deutsche vor dem Fernsehen zusammenbrachte, zu kurz.

 

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