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Sport

Kommentar: Das unterschätzte Spiel

Alle nörgeln, niemand will es: Das Spiel um Platz drei ist bei Fußballern in etwa so beliebt wie ein Kreuzbandriss. Dabei bietet es die Chance, erhobenen Hauptes aus der WM zu gehen, meint DW-WM-Reporter Joscha Weber.

In München erinnert man sich noch allzu gut daran, wie es war, wenn Louis van Gaal sauer wurde. Dann schwoll dem impulsiven Trainer der Hals an, die hohe Stirn färbte sich rötlich - und man ging besser in Deckung. 9334 Kilometer südwestlich von München war wieder so ein Moment zu beobachten. In Brasiliens Hauptstadt Brasilia machte van Gaal seinem Ärger Luft. "Das Spiel um Platz drei sollte nicht ausgetragen werden. Das sage ich seit zehn Jahren", schnaubte der niederländische Bondscoach, der es noch nie verstand, wenn man nicht auf sein Wort hörte. "Es kann nur ein Finale geben, und in dem muss es darum gehen, Champion zu werden." Mit anderen Worten: van Gaal interessiert der WM-Bronzerang so viel wie die chemische Zusammensetzung des Freistoßsprays.

Die endlose Dokusoap

Den Sinn des Spieles um Platz drei infrage zu stellen, ist wie eine endlose Dokusoap, die alle vier Jahre wiederholt wird. Mit anderen Darstellern, aber dem immer gleichen Inhalt. Eine Partie ohne Wert, vollkommen überflüssig, reine Zeitverschwendung, mosern die Beteiligten - übrigens aber immer erst dann wenn sie betroffen sind. Vorher redet niemand über das "kleine Finale", das da unbemerkt am Ende des Spielplans steht. Dass van Gaal nun "keine Lust" auf dieses Match hat, sein Stürmer Arjen Robben behauptet, ihm könne der dritte Platz gestohlen bleiben und sich viele brasilianische Fans enttäuscht abwenden, ist emotional verständlich. Zu frisch ist noch der Frust nach dem jeweils verlorenen Halbfinale. Der Weg nach oben endete jäh und soll nun in eine Sackgasse führen? Das braucht doch kein Mensch, schreit die enttäuschte Fußball-Seele.

Deutsche Welle Nachrichten Sport Joscha Weber

DW-Redakteur Joscha Weber

Wer seine Gefühle aber für einen Moment zur Seite schiebt, kann erkennen, dass das Spiel um Platz drei eine große Chance bietet: Man kann sich mit einem Sieg statt einer Niederlage aus dem Turnier verabschieden, seine Fans ein Stück weit versöhnen und positivere Emotionen zurücklassen. Der jetzige Finalist Deutschland hat es 2006 und 2010 vorgemacht: Die DFB-Elf wahrte dank zweier mit viel Leidenschaft herausgespielten Siegen in den "kleinen Endspielen" ihr Selbstbewusstsein und das Gefühl, es beim nächsten Mal auch ins große Finale schaffen zu können. In beiden Fällen war das gewonnene Spiel um Platz drei auch ein Fingerzeig: Sieh her, liebe Fußballwelt, wir werden wieder kommen!

Die große Chance zur Wiedergutmachung

Niemand sollte leichtfertig einen solchen psychologischen Bigpoint liegenlassen. Weder Oranje noch Gelb-Blau. Insbesondere für die Gastgeber ist das Spiel in der Hauptstadt die große Chance zur Versöhnung mit den eigenen Fans. Die haben nach dem 1:7 gegen Deutschland zu Recht über ihre einstigen Helden gespottet. Höchste Zeit für die Seleção, ihren gekränkten Anhängern zu beweisen, dass sie noch Fußball spielen kann, doch ein Finale gewinnen kann - und sei es nur das kleine.

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