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Europa

Kommentar: Das teuerste serbische Wort

Kosovo und Serbien wollen 14 Jahre nach Kriegsende ihre Beziehungen normalisieren. Doch die als historisch bezeichnete Einigung kann nur ein erster Schritt sein, meint Dragoslav Dedovic.

Dragoslav Dedovic, Serbische Redaktion der DW (Foto: DW)

Dragoslav Dedovic, Serbische Redaktion der DW

"Kosovo" sei das teuerste serbische Wort, schrieb ein national inspirierter serbischer Dichter im Jahr 1989. Er brachte damals das auf den Punkt, was Serben mehrheitlich bis heute denken: Kosovo ist nicht nur irgendein Stück Land, sondern ein Sammelbegriff  für alle serbischen geschichtlichen Hoffnungen und Frustrationen, eine Art serbisches Jerusalem. "Das serbische Kosovo" ist der feste Bestandteil der Erziehung, des Geschichtsunterrichts und des populistischen Politikdiskurses. Das reale Kosovo - in dem man inzwischen zu 90 Prozent albanisch spricht - und der seit Jahrhunderten gepflegte serbische Nationalmythos klafften in den letzten Jahrzehnten weit auseinander. In Belgrad musste früher oder später eine Entscheidung fallen: Entweder auf die fast mystische Verklärung des Begriffs Kosovo oder auf die politische Realität verzichten. Die ehemals radikal-nationalistische Elite Belgrads entschied sich – getrieben von europapolitischen Sachzwängen – für das realitätsnahe Handeln.

Ein derartiger Sinneswandel in der serbischen Politik kam nicht von ungefähr. Während der NATO-Bombardierung Serbiens 1999 kam es zu Massenvertreibungen der albanischen Bevölkerung durch die serbischen Milizen. Als die NATO die serbischen Truppen aus dem Kosovo verdrängte, vertrieben die nach Kosovo zurückkehrenden albanischen Guerilla-Truppen einen Großteil der serbischen Bevölkerung und viele nicht-albanische Bewohner. Abgesehen von einem kleinen Landstrich im Norden verlor Serbien die Kontrolle über das Gebiet. Eine Integration der Kosovo-Albaner im serbischen politischen System war nicht mehr denkbar.

Die politisch national-orientierten Serben, die wie ein Mantra wiederholten, dass Kosovo serbisch sei - was sogar seit 2008 in der serbischen Verfassung steht - hatten keine Antwort auf eine simple Frage: Können sie sich die albanischen Guerilla-Kämpfer Thaçi oder Haradinaj als Verteidigungsminister Serbiens vorstellen? Wenn sie nein sagen, verneinen sie damit auch die politische Teilhabe der Kosovo-Albaner im serbischen Staat und liefern Argumente für die Trennung. Wenn sie ja sagen, müssten sie einem der verhassten Kriegsgegner ihre Verteidigung anvertrauen. Das weiß auch Ivica Dačić, der ehemalige Parteipressesprecher des serbischen Autokraten Milošević. Als aktueller Ministerpräsident Serbiens hat Dačić die "historische Einigung" mit seinem ehemaligen Kriegsfeind Hashim Thaçi, jetzt Ministerpräsident von Kosovo, erzielt. Das ist - vielleicht - eine gute Nachricht.

Die Schlagzeilen um die erzielte Vereinbarung gehören sicherlich zu den üblichen medialen Übertreibungen. Dieser "historische Tag" ist, nüchtern betrachtet, nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer möglichen Konfliktlösung. Das gegenseitige Misstrauen auf der Alltagsebene ist ziemlich groß. Durch die Korruption gefesselt und national frustriert, ist Serbien im Bezug auf EU-Beitrittsverhandlungen weiter ein Wackelkandidat. Mit einer kriminellen Schattenwirtschaft und Familienclans als wahre Machtzentren hinter der demokratisch aufgebauten Fassade bleibt Kosovo das Armenhaus Europas.

Im Verhältnis zwischen Priština und Belgrad kann man zurzeit einiges von oben nach unten regeln und die schlimmsten Gewaltausbrüche verhindern, falls die Regierenden ihre Hardliner unter Kontrolle halten. Belgrad muss die Kosovo-Serben beruhigen, auch Priština hat die nationalistische Opposition im Nacken. Selbst wenn die ersten Schwierigkeiten überwunden sind, ist ein nachhaltiger Frieden noch nicht gesichert. Wenn man keine ernsthaften Investitionen in die Wirtschaft und die Infrastruktur vornimmt, wenn man keine echte Versöhnung durch Mut zur Wahrheit - und zwar von beiden Seiten - wagt, werden die albanische und die serbische Welt im Kosovo weiterhin wie zwei umeinander kreisende, aber völlig voneinander getrennte Planeten sein.

Für viele Serben aus Kosovo bleibt Belgrad nach wie vor ihre Hauptstadt. Sie trauen ihren albanischen Nachbarn weiterhin die böse Absicht zu, alles Serbische aus Kosovo verdrängen zu wollen. Für viele Kosovo-Albaner bleiben  ihre serbischen Landsleute nur die ohnmächtig gewordenen Vertreter des ehemaligen serbischen Regimes. Dieser nationalistische Tanz kann noch eine Weile dauern. Das mussten wir auch nach den als historisch titulierten Abkommen in Nordirland oder Israel/Palästina zur Kenntnis nehmen.

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