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Kommentar: Das System Blatter - mehr als eine Person!

FIFA-Präsident Blatter kündigt seinen Rücktritt an - und die ganze Fußballwelt atmet auf. Das ist ein bisschen naiv gedacht, findet Martin Muno und verlangt tiefgreifende Reformen.

Die genialen Schachspieler sind diejenigen, die in scheinbar auswegloser Situation einen Zug finden, der Gegner und Zuschauer gleichermaßen verblüfft und ratlos zurücklässt. Ein solcher Zug ist Joseph "Sepp" Blatter am Dienstag gelungen. Er habe sich entschieden

"mein Amt bei einem außerordentlichen Wahlkongress niederzulegen".

"Blatter haut ab" titelte die größte deutsche Boulevardzeitung "Bild" - und liegt mal wieder falsch: Blatter haut nicht ab. Im gleichen Atemzug fügte er nämlich hinzu: "Ich werde meine Aufgaben als FIFA-Präsident bis zu dieser Wahl ausüben." Und kündigte "einen tiefgreifenden Wandel" an.

"Ich werde Erfolg haben"

Fakt ist: Blatter ist weiter im Amt. Ein Nachfolger wird frühestens Ende dieses Jahres gewählt, vielleicht auch erst im März 2016. Und in seiner Rücktritts-Ankündigung machte er deutlich, dass er diese Zeit nutzen will, um Änderungen durchzusetzen, die bislang von seinen Gegnern blockiert wurden. "Und dieses Mal werde ich Erfolg haben", setzte er hinzu. Das klingt schon fast wie eine Drohung gegenüber seinen Widersachern. Blatter wird die ihm verbleibende Zeit nutzen, um einen genehmen Nachfolger zu installieren.

Sicher: Blatter hat erhebliche Probleme. Die spektakulären Festnahmen am Rande des FIFA-Kongresses vor einer Woche und sein anschließender Dampfwalzen-Sieg bei der Wahl zum Generalsekretär haben die Organisation und ihn persönlich noch das letzte Quäntchen Glaubwürdigkeit gekostet.

Die US-Bundespolizei ermittelt gegen ihn.

Die Schweizer Justiz untersucht die umstrittenen WM-Vergaben nach Russland und Katar. Der Druck auf den 79-Jährigen ist immens. Und vielleicht kam ihm die Einsicht, dass es besser ist abzutreten, bevor er selbst in Handschellen aus der FIFA-Zentrale geführt wird.

Tief im Sumpf

DW-Redakteur Martin Muno (Foto: DW)

DW-Redakteur Martin Muno

Aber sicher ist zugleich: Blatter wird in den letzten Monaten seiner Amtszeit keinen Kurswechsel vornehmen. Auch der neue starke Mann in der FIFA, Domenico Scala, ist viel zu tief in den Korruptions-Sumpf verstrickt, als dass ausgerechnet er die Kehrtwende vollziehen könnte. Immerhin wacht er bereits seit drei Jahren als Chef der FIFA-Finanzkommission darüber, dass es bei den Geldgeschäften und in den Kassen des Fußball-Weltverbandes sauber zugeht. Auch er steht wie Blatter auf dem Standpunkt, dass es sich bei den jüngsten Korruptionsaffären um "Einzelfälle" handelt. Kosmetische Änderungen, wie die angekündigte Einführung einer Begrenzung der Amtszeit des FIFA-Chefs, sind begrüßenswert, reichen aber bei weiten nicht aus.

Was der Weltfußball braucht, ist nichts weniger als ein kompletter Neubeginn: Dazu gehören Personalwechsel im Exekutivkomitee und bei der FIFA-Verwaltung. Und natürlich muss auch die WM-Vergabe an Russland und Katar untersucht werden. Das geht nur, indem alle internen Unterlagen auf den Tisch kommen. Die Reformen müssen sich in den Kontinentalverbänden fortsetzen. Das fängt bei der UEFA an: Michel Platini, der sich allzugerne räuspert, um dann doch nichts zu sagen, ist zum Beispiel ein direkter Profiteur der skandalösen WM-Vergabe an Katar: Sein Sohn wurde wenige Wochen, nachdem Platini für Katar gestimmt hatte, Manager eines Ablegers des katarischen Staatsfonds.

Gemauschel und Bestechung

Vor allem muss aber der Wahlmodus innerhalb der FIFA geändert werden: Dass jedes Mitgliedsland das gleiche Stimmrecht hat, dass also die Stimmen traditioneller Fußball-Großmächte wie Brasilien, Argentinien, Italien oder Deutschland soviel zählen wie die Stimmen Arubas oder der Kaiman-Inseln, ist ein Missstand, der beendet werden muss. Denn das Prinzip "one country, one vote" ist nur vordergründig demokratisch, leistet aber dem System von Gemauschel und Bestechung Vorschub. Das alles umzusetzen, bedürfte es nicht nur Reformen - es käme vielmehr einer Revolution gleich!

Blatter als Person wird gehen, aber das System Blatter abzuschaffen, ist eine deutlich schwierigere Aufgabe.

Dass sich die FIFA selbst reinigt,

ist eine naive Hoffnung. Für uns Fußballfans bleibt wahrscheinlich nur, auf die Arbeit der Justiz zu hoffen.

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