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Standpunkt

Kommentar: Das Kartell der Betrüger

Dieselgate bei Volkswagen? Ein Kindergeburtstag gegen das, was gerade die komplette deutsche Autobranche durchschüttelt. Die Kartell-Vorwürfe sind der Super-GAU für die einstige Vorzeigebranche, meint Henrik Böhme.

Man kann ziemlich sicher sein, dass am Wochenende die Telefondrähte geglüht haben zwischen Wolfsburg, Stuttgart, München, Ingolstadt und Zuffenhausen. Vielleicht hat sogar ein Arbeitskreis getagt, vielleicht haben sich gar die Chefs getroffen. Irgendwo, geheim. Denn geheim waren die Treffen der sogenannten Arbeitskreise immer. Egal, ob es um Cabriodächer oder Abgasreinigung ging. 20 Jahre lang. Tricksen, täuschen, tarnen. Zum Nachteil der Verbraucher, gemeinsam gegen die Konkurrenz.

Boehme Henrik Kommentarbild App

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Neue Zeitrechnung

Seit dem Wochenende hat für die deutsche Autoindustrie eine neue Zeitrechnung begonnen. Dagegen ist Dieselgate von VW ein Kindergeburtstag.  Auch wenn noch nichts endgültig bewiesen ist, weil Kartellamt und EU-Behörden gerade beginnen, Unterlagen auszuwerten, so ist doch eines sonnenklar, auch wenn die Dieselschwaden manchem die Durchsicht erschweren: Die Kartell-Vorwürfe sind ein Super-GAU für Deutschlands Vorzeigebranche. Eilig versuchen die Hersteller nun zu retten, was nicht mehr zu retten ist: In einem regelrechten Wettlauf nach Brüssel und Bonn haben Daimler und Volkswagen Selbstanzeigen eingereicht, weil in Kartellverfahren demjenigen ein Rabatt oder gar eine Befreiung von der Strafzahlung eingeräumt wird, der die Absprachen auffliegen lässt.

Ist der Ruf erst ruiniert…

Das mag dem einen oder anderen vielleicht noch finanziell helfen. Aber der Ruf der Branche - er ist ruiniert. VW, Daimler und BMW: Das war der Stolz der Deutschen. Aber wer ist schon stolz auf Betrüger? Spätestens seit Volkswagens Dieselgate war es mit dem Glauben an das Gute im deutschen Autobauer schon nicht mehr weit her, zumal auch andere in diesem Sumpf mit drin stecken. Doch die neuen Vorwürfe, sie machen all die Bemühungen, die es in Wolfsburg, Stuttgart und anderswo gab, die Konzerne wieder in ein besseres Licht zu rücken, mit einem Schlag zunichte.

Gesellschaftliche Verantwortung?

Die ersten Reaktionen der Autobauer zeigen ja auch, welch ein K.O.-Schlag die Veröffentlichung der Vorwürfe war: Zu Spekulationen nehme man keine Stellung, hieß es unisono bei BMW, Daimler und VW. Einzig BMW verwahrte sich gegen die Vorwürfe, beim Thema Abgasmanipulation mit den anderen gemeinsame Sache gemacht zu haben. Aber ansonsten: Hier hat eine ganze Branche einen Totalschaden erlitten, hier geht gerade richtig was kaputt. Eine Branche, von der man immer schrieb, sie sei die Vorzeigebranche. 800.000 Menschen in gutem Lohn und Brot, das Wohl hunderttausender Familien davon abhängig, ganze Städte und Kommunen, deren Schicksal vom Wohl und Wehe des ortsansässigen Autobauers oder eines großen Zulieferers abhängt.

Man sei sich der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst, ließen die Herren Autobosse gerne bei jeder passenden Gelegenheit wissen: Blödsinn! Nichts von diesem Gesülze ist wahr!   

Das Ende von Autokanzlern

Auch die Bundesregierung spielt in diesem Mega-Skandal eine ganz gewichtige Rolle. Von ihr - vor allem von den Autokanzlern und -kanzlerinnen - gab es jederzeit politische Unterstützung, wenn mal in Brüssel wieder an Abgaswerten geschraubt oder von den Chinesen eine Elektroquote beschlossen wurde. Dann wurde die berühmte Arbeitsplatz-Vernichtungskeule ausgepackt und in die Konzernzentralen gemeldet: Ihr könnt weitermachen wie bisher, wir haben das für euch geregelt. Hier muss jetzt endlich eine klare Distanzierung her. Aber weil man mit Betrügern ungern gemeinsame Sache machen will, dürften die Konzerne gerade einen wichtigen Verbündeten verlieren.

Was wird aus der IAA?

Eine erste Kostprobe wird es schon in der kommenden Woche beim sogenannten Diesel-Gipfel geben. Da sollte es eigentlich darum gehen, mit dem Versprechen von kostenlosen Umrüst-Aktionen Fahrverbote in Innenstädten für Diesel-Stinker zu umgehen. Daraus dürfte jetzt nichts werden, denn nun ist aus Berlin erheblicher Gegenwind zu erwarten. Und ganz besonders gespannt darf man nun auf die große Automesse IAA in ein paar Wochen in Frankfurt sein: Wie werden sich die deutschen Autobauer dort präsentieren? In Sack und Asche? Ganz bestimmt nicht. Und wird die Kanzlerin dort - wie immer in den vergangenen Jahren - zur Eröffnung sprechen? Auf einer Bühne mit Tricksern, Täuschern, Tarnern? Gerade mal zehn Tage vor der Bundestagswahl? Im Moment ist das beim besten Willen nicht vorstellbar.

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