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Kommentar: Das kann Kulturpolitik!

Wie wird eine Million Flüchtlinge bei uns heimisch? Wie kann das syrische Palmyra gerettet werden? Wie soll die Welt Deutschland sehen? Die Kulturpolitik hat starke Antworten auf solche Fragen, meint Gero Schließ.

Machen wir uns nichts vor: Für viele ist Kulturpolitik ein Orchideen-Fach, ein Schönwetter-Vorhaben, ein Tummelplatz für Gutmenschen. Oder schlicht das Ressort, wo über die Verteilung der ständig schrumpfenden Budgets für Stadttheater, Ausstellungen, Sinfonieorchester und andere schöne Dinge gestritten und entschieden wird.

In der Welt der großen Politik steht Kulturpolitik ganz am Ende der Prioritäten. Kulturpolitiker werden selten Bundeskanzler. In der Polit-Karriere müssen sie Außen-, Innen-, Finanz- oder Verteidigungsfachleute an sich vorbeiziehen lassen. Dabei ist das ungerecht und zum Nachteil für den Staat. Gerade jetzt.

Kulturpolitik als letzter Zufluchtsort

Man muss sich nur umschauen: In der Flüchtlingsfrage ist Kulturpolitik zu einem letzten Zufluchtsort geworden für überforderte Politiker, die um Zustimmung und Zukunft ringen. Eine Millionen Menschen kurzfristig aufzunehmen geht relativ einfach - bei allen Extremsituationen und Anfangsschwierigkeiten, die dabei zu meistern sind. Eine Million Menschen zu integrieren, ist hingegen ein Generationenprojekt. Viele in Deutschland unterschätzen das.

Kulturelle Bildung ist der Schlüssel dafür. Da geht es nicht nur um unverzichtbare Brot-und- Butter-Fähigkeiten wie das Deutschlernen. Uns zu verstehen und mit uns zu leben, heißt auch, mehr über unsere Werte, unsere Lebensart, unsere Kultur zu erfahren. Und Stück für Stück ganz natürlich ein Teil dessen zu werden - ohne die eigene Identität preisgeben zu müssen. Kulturpolitiker, Künstler und Freiwillige kümmern sich seit Monaten in unendlich vielen Projekten und Initiativen darum, den Neuankömmlingen Angebote zu machen und Zugänge zu schaffen. Das ist großartig und war nie so wertvoll wie heute.

Mahnendes Gewissen

Gleichzeitig ist Kulturpolitik dabei auch mahnendes Gewissen für die Deutschen. Sie schärft den Sinn für unsere Willkommenskultur und für das, was diese Willkommenskultur gefährdet. Doch genau das wird von Vertretern der sogenannten "harten" Ressorts oftmals überhört. Beispiel Integrationsgesetz: Hier sind die - ohnehin leisen - Stimmen der Kulturpolitiker im Getöse der Großpolitiker Seehoferscher Prägung untergegangen. Ein Fehler!

Schliess Gero Kommentarbild App

Gero Schließ ist Kultur-Korrespondent im Hauptstadtstudio Berlin

Kulturpolitik hat aber nicht nur Feuerwehrfunktion in der aktuellen Migrationsfrage. Ihre Beiträge führen über den Tag hinaus. Etwa in der Diskussion über unser Selbstverständnis und den Kernbestand unserer Werte, die von allen, auch den Neuankömmlingen, zu respektieren sind. Oder im Diskurs um Berlin und seine Hauptstadtkultur. Das neue Humboldt-Forum, beheimatet im wieder errichteten Stadtschloss, ist das jüngste Beispiel. Ein anderes ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Kulturpolitiker aus dem Trümmerhaufen der Berliner Nachwende-Kultur geschaffen haben - als Dachorganisation für die weltweit bewunderte Museumsinsel.

Auch wenn Kultur in Deutschland vor allem Ländersache ist, hat sich auf vielen dieser Felder insbesondere Kulturstaatsministerin Monika Grütters stark eingebracht. Auch Filmförderung, Kreativwirtschaft, Museen und Medien profitieren von Konzeptionsstärke und Kasse der Staatsministerin.

Noch ein zweiter Kulturminister

Es gibt im Kabinett von Angela Merkel aber noch einen zweiten Minister, der auf die Kraft der Kulturpolitik setzt: Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Das von Willy Brandt geprägt Wort von der Auswärtigen Kulturpolitik als "dritter Säule" der Außenpolitik wurde nie stärker in reale Politik umgesetzt als durch ihn. "Arbeiten an der Weltvernunft" heißt das etwas großspurig in Papieren aus Steinmeiers Haus. Die "soft power" des kulturellen und wissenschaftlichen Austausches soll es richten in einer Welt, die immer unübersichtlicher und gefährlicher wird. Jüngstes Beispiel ist das jetzt von Steinmeier einberufene "Expertentreffen zum Erhalt des Kulturerbes in Syrien". Dahinter steckt nicht naives Gutmenschentum, sondern das Kalkül, dass Sicherung und Wiederaufbau zerstörten Weltkulturerbes helfen, die nationale Identität in einem Nachkriegssyrien zu wahren.

Kulturpolitik wird also immer wichtiger. Wer immer noch glaubt, sie sei eine verzichtbare Veranstaltung, der irrte nie stärker als heute.

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