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Kommentar: Das Heilige Jahr als Zeichen

Barmherzigkeit ist ein Schlüsselbegriff für Papst Franziskus. Im Zeichen der Barmherzigkeit steht auch das nun eröffnete Heilige Jahr. Der Papst könnte dieses Jahr nutzen, um Symbolisches zu tun, meint Christoph Strack.

Es ist sein Thema: Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit Gottes. Mit dieser Botschaft prägte Erzbischof Jorge Mario Bergoglio seine späten Jahre als Erzbischof von Buenos Aires. Und als ihn die Kardinäle im März 2013 zum Papst wählten, machte er die Barmherzigkeit zu seinem Thema auch als Oberhaupt der Weltkirche, zur wiederkehrenden Mahnung, zu Botschaft an die Welt. Nun eröffnete er im Geiste der Barmherzigkeit ein "außerordentliches Heiliges Jahr".

Eine überkommene Tradition?

Bei dem Titel "Heiliges Jahr" denkt man gerne an Ablass, Schacherei und vatikanische Habsucht. (Theologisch) Skurriles halt. So befasst sich im Vorfeld der größere Teil der Medienberichte mit der Frage der Sicherheitsvorkehrungen in Rom, die thematisch sogar die leidlich schlechte Infrastruktur der Stadt für die Millionenschar der Pilger und Besucher in den Schatten stellen.

Strack Christoph Kommentarbild App

DW-Redakteur und Kirchenexperte Christoph Strack

Dabei hat Franziskus das Heilige Jahr weder für die römische Tourismusindustrie noch für islamistische Terroristen ausgerufen. Nein, Franziskus will Barmherzigkeit zugänglich machen. Das bedeutet für ihn genauso die Nähe des Menschen zum Menschen, wie die Nähe Gottes zur Welt. Einer Welt, in der es nichts mehr umsonst gibt, in der sich oftmals jeder nur noch selbst der Nächste ist, in der Gewinn immer weiter steigen muss. Die Welt bedürfe heute dringend des "Mitleids und Mitgefühls", sagte er in einem Interview zum Start des Heiligen Jahres. "Wir haben uns an die schlechten und grausamen Nachrichten gewöhnt und an die Gräueltaten, die den Namen und das Leben Gottes beleidigen.“ Deshalb wolle er die Tradition der Barmherzigkeit in der Kirche wieder stärker betonen.

Nachdenken statt Normen

Und dabei setzt der Papst nicht auf Enge und auf Normen, sondern auf Nachdenken und Umkehr. Die Kirche dürfe nicht der Versuchung erliegen, "nur die moralischen Normen zu unterstreichen, aber viele Leute auszuschließen". Der Papst wird vermutlich kein Problem damit haben, wenn sich jemand für Flüchtlinge oder Gefangene einsetzt, die Frage nach Gott aber nicht aushalten kann oder nicht hören will. Aber für ihn bleibt es eine Frage.

Welche globale Bedeutung das Jahr und sein Kernbegriff Barmherzigkeit für Franziskus hat, verdeutlicht er mit einer ganz eigenen Globalisierung des Heiligen Jahres: Heilige Pforten sind überall. Nicht wirklich überall, aber im Vergleich zu früheren Heiligen Jahren sind sie fast überall. Jede Bischofskirche soll eine solche Tür haben. Ende November öffnete der Papst in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, eine "Heilige Pforte". Es gibt eine in Aleppo und auch eine in jeder deutschen Diözese. In Berlin übrigens im Stadtteil Moabit, in der nächstgelegenen katholischen Kirche zum Lageso, diesem Un-Ort, wo Flüchtlinge unter skandalösen Umständen tagelang auf ihre Registrierung warten müssen.

Symbolischer Starttermin

Manches wirkt in diesen Tagen so, als zweifele Franziskus, bald 79 Jahre alt, zwar nicht an seinem Gott, aber an dieser Welt (und gelegentlich auch an seiner Kirche). An diesem Dienstagmorgen trat er durch die frisch geöffnete Heilige Pforte in den Petersdom gewiss auch, um Türen oder Fenster der Kirche nach außen zu öffnen. Denn mit der Wahl des Datums für die Zeremonie erinnerte er an das Zweite Vatikanische Konzil, das an diesem Tag vor 50 Jahren endete, und rief zu einer weiteren Öffnung der Kirche zur Welt auf.

Das Heilige Jahr "fordert uns zu dieser Öffnung heraus", meinte er. Franziskus kann es zeichenhaft vorleben, mit Besuchen in Armenvierteln oder Gefängnissen. Aber das ein oder andere Symbolische könnte der Papst auch im kirchlichen System entscheiden. Auch - oder vielleicht gerade - in einem Heiligen Jahr.

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