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Kommentar: Damit Berlin weiter sexy bleibt

Von wegen selbstbewusst: Berlin giert nach Zuspruch von Außen. Zuletzt kam Lob von New Yorks Ex-Bürgermeister Giuliani. Doch wo bleibt die eigene Zukunftsstrategie? Höchste Zeit, daran zu arbeiten, meint Gero Schließ.

Berlin und Bescheidenheit - das passt nicht zusammen. Die Stadt strotzt vor Selbstbewusstsein. Das jedenfalls ist das Berlin-Bild, das viele Neu-Berliner im Kopf haben, wenn sie an die Spree ziehen. Auch der Autor dieser Zeilen. Denn der Stadt und ihren Bürgern eilt ein eindeutiger Ruf voraus: Selbstzweifel und Zurückhaltung gehören nicht zu den Tugenden, mit denen sich der Berliner lange aufhält. Er sieht sich viele lieber als Nabel der Universums und genießt die Anziehungskraft seiner Stadt als Sehnsuchtsort für Künstler und Young Professionals aus aller Welt.

Doch mittlerweile hat sich das Bild dramatisch gewandelt. Alte Gewissheiten weichen neuen Zweifeln. Berlin klagt über zunehmend hohe Mietpreise. Das verschreckt Künstler und Kreative. Schon wandern die ersten ab und auch Galeristen kehren der vermeintlichen Welthauptstadt der Galerien wieder den Rücken.

Kriminalität und Armut

Berlin stöhnt über eskalierende Kriminalität. Hotspot ist etwa die Gegend um das Kottbusser Tor in Kreuzberg, wo sich die Zahl der Taschendiebstähle innerhalb eines Jahres verdoppelte.

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Gero Schließ ist Kulturkorrespondent im Hauptstadtstudio

Berlin ist reicher und zugleich ärmer geworden. Reicher, weil erfolgreiche Startups wie Sound Cloud und die Spielefirma Wooga hier ihre Geschäfte machen und ihnen finanzkräftige Fonds gefolgt sind. Nicht zu Unrecht spricht der britische "Guardian" von Europas Silicon Valley. Das hat auch die chronisch klamme Kassenlage der Stadtregierung aufgebessert.

Doch gleichzeitig wird Armut in Berlin immer unübersehbarer. Mehr und mehr Bettler und Heimatlose bevölkern etwa die Gegend um den Hauptbahnhof. Ein Warnsignal für die steigende Zahl sozialer Brennpunkte in der Stadt.

Langzeitärgernis Großflughafen

Und tief im robusten Fundament der Berliner Selbstgewissheiten sitzt der Stachel des Langzeitskandals um den Flughafen Berlin-Brandenburg. Die Großbaustelle ist ein Milliardengrab. Und sie ist Sinnbild für die schon legendäre Unfähigkeit der Berliner Senatsverwaltung. Ein anderes Beispiel dafür ist die Berliner Schulpolitik. Von der Planung einer neuen Schule bis zur Eröffnung kann es mehr als zehn Jahre dauern. Derweil bleibt für die Kinder der vielumworbenen Neubürger nichts anderes, als in überquellenden Klassenräumen die Ellenbogen auszufahren. Vorausschauende Stadtpolitik sieht anders aus.

Da wundert es nicht, dass die Berliner zurzeit alles gierig aufsaugen, was sich wie Lob und Anerkennung von außerhalb anfühlt. Etwa die Eloge der "New York Times" auf die paradiesischen Berliner Spielplätze. Oder die Begeisterung über eine "saubere und attraktive Stadt", die New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudolph Giuliani bei seinem jüngsten Berlin-Besuch zu Protokoll gab. Aber auch Giuliani kann der Berliner Politik nicht die Arbeit abnehmen.

„Arm aber sexy“ zieht nicht mehr

Die Zeiten sind vorbei, als der legendäre Spruch des früheren Bürgermeisters Klaus Wowereit auch in der englischen Übersetzung "poor but sexy" Furore machte und als internationaler Marketingruf funktionierte. Mittlerweile ist das Mainstream. Und er taugt auch nicht mehr, um stümperhafte Stadtpolitik zur Berliner Polit-Folklore umzudeuten. Raketenartig gestiegene Miet- und Immobilienpreise zeigen, das Berlin längst Opfer seines eigenen Erfolges geworden ist. Denn nach den Kreativen kamen die Spekulanten.

Wie will Berlin unter diesen veränderten Vorzeichen weiter attraktiv bleiben? Und wie soll man die Stadt künftig in der Welt wahrnehmen? Als Mekka der Startups, als bunt-schillernde Kulturmetropole, als Ort intellektuell-philosophischer Zukunftsdebatten? Oder als politisches Kraftzentrum Europas? Oder von jedem ein bisschen etwas?

Ein Plan muss her

Die von Wowereit-Nachfolger Michael Müller geführte Stadtregierung aus SPD und CDU agiert bisher eher müde und unauffällig. Sie hat noch nicht erkennen lassen, ob sie die neuen Herausforderungen angenommen hat. Dabei müsste sie im Zweifel nur auf das hören, was Rudolph Giuliani auch noch gesagt hat. "Sie müssen einen Plan machen", hat er den Berlinern wiederholt eingehämmert. Einen Plan, mit dem man nach innen Führung zeigt und nach außen unmissverständliche Signale aussendet. So ein Plan muss dringend her, damit Berlin auch in Zukunft weiter sexy bleibt.

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