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Politik

Kommentar: Chinas Schwäche, Chinas Angst

Mit einem Mal ist Tibet im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Und jetzt ist sie wohl unverrückbar da: die von Peking befürchtete Verknüpfung von Olympischen Spielen und Menschenrechtspolitik, meint Matthias von Hein.

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Alles hätte nicht nur schön werden können. Es hätte mit aller Gewalt schön werden müssen! Der Aufwand für die Olympischen Spiele in Peking wurde allein vom neu gewonnen Selbstbewusstsein übertroffen. China wollte sich in Peking als moderner Staat präsentieren, auf Augenhöhe mit den Großen der Welt – endlich, nach knapp drei Jahrzehnten einer beispiellosen wirtschaftlichen Aufholjagd.

Das andere China ins Blickfeld gerückt

Doch jetzt interessiert sich niemand für die atemberaubenden Stadien, für die eindrucksvollen Kulissen, in denen das Stück von der harmonisch zusammen lebenden Vielvölkerfamilie Chinas aufgeführt werden sollte. Demonstranten in roten Roben auf dem Dach der Welt haben das andere China ins Blickfeld gerückt: das China brutaler Unterdrückung jeglichen Widerstandes – mag er sich noch so friedlich äußern.

Mit Bestürzung schaut man auf die Bilder der randalierenden Massen. Die Eskalation der Gewalt ist das Ergebnis einer paranoiden Verfolgung Andersdenkender. Das brutale Vorgehen der Behörden gegen friedlich demonstrierende Mönche brachte das berühmte Fass zum Überlaufen. Lang aufgestauter Frust entlud sich in Lhasa in blinder Gewalt gegen ungeliebte Zuwanderer aus dem chinesischen Kernland.

Wachstum geht an Tibetern vorbei

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Matthias von Hein

Die Pekinger Führung wird nicht müde, die Erfolge beim wirtschaftlichen Aufbau Tibets zu loben. Die Wachstumszahlen sind eindrucksvoll genug, aber der Aufschwung geht an den Tibetern weitgehend vorbei. Sie werden vor allem als pittoreske Träger bunter Kostüme für die Augen der Touristen gebraucht, als Statisten in einem exotischen Disneyland.

Natürlich hat die Zentralregierung vieles unternommen, um die Lebensbedingungen auf dem Dach der Welt zu verbessern. Diese waren im Übrigen unter der Herrschaft der Lamas keineswegs so rosig, wie man sich das romantisch verklärt im Westen gerne vorstellt. Deshalb versteht Peking auch nicht, warum die Tibeter ihnen nicht dankbar sind. Die Wahrheit ist simpel: Sie haben sich die Herrschaft der Chinesen nicht ausgesucht. Sie wurden nicht gefragt - und sie werden nicht gefragt.

Hu Jintao ließ schon 1989 die Proteste niederschlagen

Die mächtigste Person in Tibet ist der Parteisekretär. Das war bisher immer ein Chinese. Auch Hu Jintao, am Wochenende für weitere fünf Jahre als Staatspräsident vom Nationalen Volkskongress bestätigt, hat schon auf diesem Posten gearbeitet. 1989 war er verantwortlich für die blutige Niederschlagung der letzten großen Protestwelle in Tibet.

So rücksichtslos wie damals kann Peking die Demonstrationen heute nicht niederschlagen. Heute gibt es überall Mobiltelefone mit Kameras. Heute sind viel mehr Reisende unterwegs, potentielle Zeugen. Dennoch wird die Regierung einen Flächenbrand mit allen Mitteln verhindern – auch mit Gewalt. Ein Boykott der Spiele wäre dennoch falsch, selbst der Dalai Lama ist dagegen. Denn allen Pekinger Bemühungen zum Trotz ist sie jetzt da, unauflöslich: die Verbindung von Olympischen Spielen und Menschenrechtspolitik. Dieses Instrument sollte man nutzen, um Druck auf Peking auszuüben.

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