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Standpunkt

Kommentar: Chance auf einen Wahlkampf in Würde

Francois Hollande tritt nicht mehr an und tut damit seinem Land einen großen Gefallen, meint Max Hofmann.

Am Anfang ist alles wie immer. Francois Hollande versucht seine Mitbürger zu überzeugen, dass seine Amtszeit doch gar nicht so schlecht war. "Die Ergebnisse werden kommen", sagt er und meint damit die Arbeitslosigkeit im Speziellen und die lahmende französische Wirtschaft im Allgemeinen. Aber die Schlussfolgerung ist eine andere, als viele erwartet hätten. Er, der unpopulärste Präsident seit es Umfragen in Frankreich gibt, wird nicht noch einmal antreten. Ganz offensichtlich hat die politische Realität den französischen Präsidenten nach fünf Jahren doch noch eingeholt.

Francois Hollande hat mit seiner zögerlichen, wirklichkeitsfernen Politik die Sozialisten Frankreichs in einen Abgrund gezogen, aus dem sie nur geschlossen wieder herauskommen. Deshalb braucht die Linke jemanden an ihrer Spitze, hinter dem sie geschlossen steht. Die Konservativen haben diesen Politiker in Francois Fillon gefunden, der Druck auf die Sozialisten ist hoch, "ihren" Gegen-Fillon so früh wie möglich zu präsentieren. Die Chancen mit einem solchen Kandidaten zumindest die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen zu erreichen, stünden nicht schlecht.

Schutz vor der modernen Arbeitswelt

Hofmann Maximilian Kommentarbild App

Max Hofmann leitet das DW-Studio in Brüssel

Viele Themen, die die Menschen nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa beschäftigen. sind eigentlich klassische linke Themen. Bei der angestammten Klientel der Sozialisten steht dort ganz vorne der Schutz des "ouvrier", des Arbeitnehmers: vor der Globalisierung, dem ungezügelten Kapitalismus, der Digitalisierung und Automatisierung. Die meisten dieser potenziellen Wähler haben früher automatisch ihre Stimme den Sozialisten gegeben. Jetzt wandern viele zum Front National ab, der für sie glaubwürdiger diesen Schutz vor den Gefahren der modernen Arbeitswelt verspricht. Wenn links von Francois Fillon irgendein Kandidat eine Chance haben will, dann muss er sich dieses Thema wieder zu eigen machen.

Der Erfolg der Linken in Frankreich hängt wie bei allen Parteien nicht nur an den Themen, sondern auch an den handelnden Personen. Francois Hollande als Kandidat wäre eine Farce gewesen. Seine Zustimmungswerte lagen zuletzt bei vier Prozent. Was noch schlimmer war: Die Ablehnung seiner Person schien an ihm abzuperlen. Der französische Präsident schien völlig abgekoppelt von dem, was eine überwältigende Mehrheit seines Landes von ihm dachte. Zu Beginn seiner Fernseh-Ansprache am Donnerstag schien er diese Annahme nur zu bestätigen, indem er die Erfolge - aus seiner Sicht - der vergangenen fünf Jahre aufzählte. Dann aber die Schlussfolgerung, mit der nur wenige gerechnet hatten: Hollande tritt nicht mehr an.

Wahlkampf in Würde

Als er diesen Satz sagte, wirkte der französische Präsident authentisch und emotional, was selten genug der Fall war in den vergangenen fünf Jahren. So bitter es auch für ihn sein mag: Er wirkte auch zum ersten Mal wie einer, der sich etwas gründlich überlegt hat, daraus die richtigen Schlüsse zog und bereit ist, sie umzusetzen. So fern vom französischen Volk er in den vergangenen fünf Jahren schien, hermetisch abgeschottet war Francois Hollande nicht, das zumindest zeigt seine Ansprache von Donnerstagabend.

Nun macht er - richtigerweise - den Weg frei, für jemanden, der einen glaubwürdigen Versuch starten kann, die Linke hinter sich zu einen. Vielleicht sein Premierminister Manuel Valls, vielleicht kommen mit dem Verzicht Hollandes in den kommenden Wochen noch andere aus der Deckung. Wer letztendlich auch immer Kandidat der Sozialisten wird, sie oder er wird es schwer haben gegen Fillon. Aber Francois Hollande hat am Donnerstag seiner Partei zumindest die Chance gegeben, einen Wahlkampf in Würde zu führen und möglicherweise sogar zu verhindern, dass Marine Le Pen in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl kommt. Damit hat er Frankreich und Europa einen großen Gefallen getan.