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Kultur

Kommentar: Cannes verzichtet auf Deutsche

Auch dieses Jahr war wieder kein deutscher Film im Wettbewerb. Ist das deutsche Kino nicht gut genug? Nein, meint Jochen Kürten. Die Missachtung hat andere Gründe.

Deutsche Filme im Wettbewerb beim wichtigsten Filmfestival - das ist seit Jahren die Ausnahme. Zwar zirkuliert im globalisierten Filmmarkt viel Geld und so sind darüber auch deutsche Co-Produktionen immer mal wieder in Cannes vertreten. Doch das hat wenig mit der künstlerischen Qualität des deutschen Kinos zu tun. Internationale Co-Produktionen mit deutschem Anteil - in diesem Jahr sind vier von 18 Wettbewerbsbeiträgen so finanziert - sprechen für eine weltoffene deutsche Filmwirtschaft. Und so verweisen die vielen regionalen Filmförderungsanstalten an der Côte d'Azur auch stolz auf ihren Anteil am Gelingen solcher Co-Produktionen.

Man kann der Meinung sein, dass die nationale Identität eines Regisseurs in der global-vernetzten Filmwelt sowieso keine Rolle mehr spielt. Man kann aber auch daran glauben, dass die Herkunft eines Filmemachers sich im Werk ästhetisch niederschlägt. Und dann darf man sich schon wundern, dass so selten deutsche Regisseure eingeladen werden. Der letzte deutsche Regisseur, der am Wettbewerb in Cannes teilnehmen durfte, war Wim Wenders vor sechs Jahren. Die letzte Goldene Palme, die an einen deutschen Film ging, bekam ebenfalls Wenders: vor 30 Jahren für seinen Film "Paris, Texas" - sieht man einmal ab vom in München geborenen, aber längst in Österreich eingemeindeten Michael Haneke und dessen Film "Das weiße Band". Seither gibt es zwar deutsches Geld, deutsche Schauspieler und deutsche Technik - aber keine deutschen Regisseure.

Diplomatische Politikerin

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat bei ihrer Stippvisite darauf hingewiesen, dass der Marktanteil heimischer Produktionen bei stolzen 26 Prozent liegt und dass deutsche Beiträge bei internationalen Festivals in jüngster Zeit 214 Auszeichnungen erhalten hätten. Es kämen auch wieder andere Jahre, fügte sie noch hinzu auf die Frage, ob sie denn eine Erklärung habe für die mangelnde Präsenz des deutschen Kinos im Rennen um die Goldene Palme. Eine Kulturstaatsministerin ist gut beraten, wenn sie so diplomatisch auftritt.

Doch wenn man beobachtet, wie die Filmemacher aus Berlin, München und anderswo mit ihren Werken seit Jahren von anderen Festivals der Welt eingeladen und ausgezeichnet werden, dann ist das schon seltsam. Gerade die gewaltige Zahl '214' für prämierte deutsche Filme muss stutzig machen.

Es gibt wohl zwei Gründe für das Ausbleiben deutscher Filme in Cannes. Der erste ist leichter zu erklären. Cannes pflegt seit Jahren die Routine großer Namen - unabhängig davon, ob diese Regisseure auch immer wieder große Werke vorlegen. Wenn man einmal zum Wettbewerb eingeladen worden ist und Erfolg hatte, darf man sich gute Chancen auf ein Cannes-Abo ausrechnen. Das hat dann aber nicht immer viel mit Qualität zu tun. Auch in diesem Jahrgang sind wieder Regisseure vertreten, bei deren Werken man sich fragt, ob hier nur auf den großen Namen gesetzt wurde. Wenn man nicht zu diesem Zirkel gehört, dann hat man es schwer. Lediglich Wim Wenders ist - aus deutscher Sicht - dazu zu zählen: Was ihm in diesem Jahr eine Einladung zur Reihe "Un certain regard" eingebracht hat.

Kulturelle Gräben

Der zweite Grund für die Nicht-Präsenz des deutschen Kinos hängt möglicherweise mit dem kulturellen Graben zwischen Frankreich und Deutschland zusammen. Das französische Kino steht in einer völlig anderen Tradition als das deutsche. Ästhetische Entwicklungen der jeweiligen Kinematografien liegen weit auseiander. Die "Grande Nation", die ja mit Recht stolz sein darf auf ihre Filmhistorie, ist nicht gerade tolerant, wenn es um andere europäische Kinokulturen geht - zumindest nicht in Cannes.

Nun könnte man argumentieren, dass französisches Kino und Hollywood auch Welten trennen. Das ist richtig. Aber die meisten Hollywood-Produktionen werden auch nur deshalb an die Croisette eingeladen, weil sie Weltstars und internationales Flair auf den berühmten Roten Teppich bringen. Da kann das deutsche Kino nun wirklich nicht mithalten.

Zum Trost: der deutsche Film muss sich nicht grämen. Er befindet sich seit Jahren in guter Form, hat auch gerade mit Regisseuren, die nach der Ära des "Neuen Deutschen Films" angetreten sind, viel zu bieten. Fatih Akin, Christian Petzold oder Andreas Dresen sind nur drei Namen. Alle drei hatten im Übrigen neue Filme fertig – doch Cannes wollte sie nicht. Man kann es ruhig einmal so formulieren: Der deutsche Film hat Cannes nicht nötig. Cannes aber vielleicht das deutsche Kino.

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