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Kommentare

Kommentar: Bundestrainer kann jeder

Kritik-Hagel nach der England-Pleite, Lobeshymnen nach der Italien-Gala - Fußball-Deutschland kennt mal wieder nur Extreme. Im Land der Millionen Bundestrainer arbeitet es sich nicht leicht, meint Joscha Weber.

Sagen wir es doch einfach, wie es ist: Das Wehklagen über die deutsche Nationalmannschaft gehört zu Deutschland wie Bier, Bratwurst und neuerdings Bioläden. Fast jeder Bundesbürger hat den Bundestrainer schon in die Wüste gewünscht, die Aufstellung kritisiert, die müden Millionenverdiener auf dem Rasen mit Schimpf und Schande bedacht. Vom Viertklässler, der Ronaldo sowieso "viel cooler" findet als Müller, bis zur Rentnerin, die die Abwehrleistung gegen England als "einfach nur schlecht" aburteilt - Bundestrainer kann so ziemlich jeder Deutsche.

Granteln als deutsches Kulturgut

Und wenn das Granteln über den vierfachen und nebenbei bemerkt auch amtierenden Weltmeister derart zum Kulturgut dieser manchmal gar nicht stolzen Nation gehört, dann macht natürlich auch die Presse mit: "Hilfe! Bei dieser Abwehr kriegen wir die EM-Angst", "Löws Defensive fällt in Berlin auseinander", "Laxer Larifari-Fußball" - nur drei von vielen Schlagzeilen nach der 2:3-Niederlage gegen England am vergangenen Samstag. Die Großwetterlage nach der Heimpleite: In Frankreich droht mit dieser Abwehr eine Blamage.

Joscha Weber (Foto: DW)

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Es zählt, zum Saisonhöhepunkt fit zu sein - nicht davor und nicht danach"

Weit gefehlt, liebe Damen und Herren Bundestrainer da draußen. Die DFB-Elf mag noch ein Stück von ihrer Weltmeister-Form entfernt sein, aber alles andere wäre auch fahrlässig. Jeder, der mal Leistungssport betrieben hat, weiß, dass niemand ganzjährig in Topform sein kann und dass es nunmal zählt, zum Saisonhöhepunkt fit zu sein. Natürlich stehen die Spieler während der laufenden Vereinssaison alle im Saft, aber das Zusammenspiel im Nationalteam kann nach einer viermonatigen Pause noch nicht auf Turnier-Niveau funktionieren. Dass es gegen Italien nach ein paar gemeinsamen Trainingstagen wieder zu einer 4:1-Gala-Vorstellung reichte, zeigt, welch großes Potential diese Mannschaft in sich trägt. Selbst wenn einige Leistungsträger fehlen, die Abwehr umorganisiert wird und unerfahrene Spieler "eingearbeitet" werden müssen - die deutsche Nationalmannschaft der Gegenwart zeigt eigentlich in jedem Spiel kreativen, hochklassigen und meist auch erfolgreichen Fußball.

Jeder Wackler wird seziert, kritisiert und dramatisiert

Es ist ein Verdienst des trotz seines WM-Erfolges von Rio immer wieder infrage gestellten Joachim Löw, dass er die Kritik (anders als manch ein impulsiver Vorgänger) gelassen hinnimmt und sich schützend vor sein Team stellt. Besonders wenn er Spielern den Rücken stärkt, die im Verein oder bei den Fans gerade in Ungnade gefallen sind, zeigt sich sein Händchen. Seine Geduld und sein Vertrauen in den Bayern-Bankdrücker Mario Götze hat sich schon einmal ausgezahlt, im Italien-Spiel wiederholte sich die Geschichte im Kleinen.

Aber klar ist auch: Mit dem Label "Weltmeister" auf der Brust und dem Anspruch, auch Europameister zu werden, auf den Lippen steht die deutsche Mannschaft exponiert da wie lange nicht. Die Erwartungen sind riesig. Die Toleranz für Fehler gering. Jeder Wackler wird - wie nach dem England-Spiel geschehen - seziert, kritisiert und eben auch dramatisiert. Ganz besonders im Land der Millionen Bundestrainer. Vielleicht ist das doch kein Job für jedermann.

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