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Europäische Union

Kommentar: Briten auf einsamem Posten

Die EU redet von Freundschaft, zeigt den Brexit-Briten aber schon mal die Folterinstrumente. Die Scheidung könnte noch wehtun, aber ein Kompromiss ist möglich, meint Bernd Riegert.

Von jetzt an gilt: EU zuerst. Die britische Regierung wird sich daran gewöhnen müssen, dass die übrigen 27 EU-Mitglieder ihre eigenen Interessen bei den Ausstiegsverhandlungen durchsetzen wollen. Großbritannien kann nicht mehr mit der Rücksichtnahme des Klubs rechnen. Es wird knallhart werden. Keine Illusionen.

Das Gejammer von Premierministerin Theresa May, die EU habe sich gegen die Briten verschworen, ist albern. Auch Großbritannien will seine Interessen durchsetzen, allerdings allein, ohne Verbündeten. Die EU will bei den Verhandlungen Zeitplan und Inhalte vorgeben. Erst die Scheidung, dann die Rechnung, dann das zukünftige Handelsabkommen. Großbritannien hätte gerne die umgekehrte Reihenfolge, beklagt Außenminister Johnson.

Riegert Bernd Kommentarbild App

Europa-Korrespondent Bernd Riegert

Die Europäische Union sitzt aber am längeren Hebel. Die Briten haben aus wirtschaftlicher Sicht gute Beziehungen zur EU dringender nötig als umgekehrt. Machen die Briten nicht mit, kann die Europäische Union einfach abwarten. Denn der Austritt kommt jetzt ganz automatisch. Mit Ablauf des 29. März 2019 wären die Briten draußen, mit oder ohne Abkommen. Dieser Fristablauf kann nur einstimmig von der EU angehalten werden. Keine gute Ausgangslage für das britische Verhandlungsteam.

Einfach gehen?

Das einzige Druckmittel, das London bleibt, wäre der "knallharte" Brexit. Die Briten gehen einfach, ohne eine wie auch immer geartete Rechnung zu begleichen. Die EU könnte sie nicht mehr zu Zahlungen zwingen. Wer sollte dieses Recht durchsetzen?

Natürlich wäre das Verhältnis zwischen den widerspenstigen Inseln und dem suspekten Kontinent nach einem harten Brexit auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verdorben. Die EU-Bürger, die im Vereinigten Königreich leben, und die Briten, die in Europa leben, würden zum Spieleinsatz im Brexit-Roulette. Deshalb werden sich die beiden Seiten, die jetzt Maximalforderungen aufstellen, am Ende auf einen typisch europäischen Kompromiss einigen. Die Interessen werden ausgeglichen. Die Briten werden etwas zahlen. Die Europäer werden Zugang zu ihrem Markt und politischer Kooperation gewähren. Am Ende wird Großbritannien einen ähnlichen Status wie Norwegen oder die Schweiz im Verhältnis zur EU einnehmen.

Es ist wohl richtig, dass sich die britische Premierministerin per Unterhauswahl im Juni ein Mandat für einen gemäßigten Brexit einholt. Eines ist heute aber schon klar. Wie im menschlichen Leben wird scheiden der einen oder der anderen Seite weh tun. Wer mehr leiden wird, ist relativ klar. Großbritannien erkauft sich die Illusion einer neuen Souveränität, die aber in einer globalisierten, arbeitsteiligen und politisch eng vernetzen Welt ein Modell von gestern ist.

Für Großbritannien beginnt eine Zeit der Unsicherheit. Die Regierung muss nicht nur mit der ungewöhnlich geschlossenen EU, sondern nach dem Brexit auch mit über 100 weiteren Staaten über freien Handel und Marktzugänge verhandeln. Ausgang ungewiss. Bisher waren die Briten über die EU mit diesen Staaten verbunden. Dass die Welt geradezu auf ein von europäischen Fesseln befreites Großbritannien wartet, wie das Außenminister Johnson zu wissen glaubt, dürfte eine weitere Illusion sein.

Wenn aus der Sicht der Brexit-Befürworter dann alles nicht so toll läuft, wie im Wahlkampf herbeigelogen, ist jetzt schon klar, wer allein daran Schuld sein kann: Brüssel! Schon jetzt wird an der absurden Legende gestrickt, die EU - deutscher Führung - habe sich gegen die tapferen Briten verschworen.

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