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Kommentar: Prominente Hilfe ohne Nachhall

Ludger Schadomsky14. Oktober 2014

Twitter-Kampagnen westlicher Promis lösen Afrikas Probleme nicht. Im Gegenteil: Sie untergraben Demokratie und Selbstbestimmung und befördern im schlimmsten Fall US-Militäraktionen, meint Ludger Schadomsky.

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Michelle Obama mit dem Schild der Twitter-Kampagne #bringbackourgirls
Bild: Twitter

Ob der Anwalt Ibrahim Musa Abdullahi wohl ahnte, welche Lawine er lostreten würde? Auf einer der ersten Kundgebungen nach der Entführung der knapp 200 Chibok-Mädchen am 14. April 2014 forderte er Nigerias Regierung auf, "unsere Töchter zurückzubringen“, und bestückte den Kurznachrichtendienst Twitter mit der Formel "#BringBackOurGirls".

"Bringt unsere Mädchen zurück", riefen auch Frauen und Mütter, die der zu Mitleid und beherztem Handeln weitgehend unfähigen nigerianischen Regierung früh die Stirn boten. Doch schon wenige Tage später hatte der Protest die Straßen von Nigerias Hauptstadt Abuja verlassen und war in die USA übergesprungen: Dort forderte die amerikanische Öffentlichkeit nun einen amerikanischen Militäreinsatz zur Rettung der Mädchen. Unter anderem First Lady Michelle Obama posierte mit der inzwischen berühmten Tafel mit dem Hashtag-Slogan.

Damit aber bekam die Solidaritätskampagne für die entführten nigerianischen Schülerinnen eine Eigendynamik, die mit dem Anliegen von Abdullahi und den Initiatoren in Nigeria kaum noch etwas zu tun hat. Aus einer zivilgesellschaftlichen Protestaktion gegen eine unfähige und korrupte Regierung war binnen weniger Tage die Vorlage für eine weitere US-Intervention in Afrika geworden.

Ludger Schadomsky
Ludger Schadomsky leitet die Amharisch-Redaktion der Deutschen WelleBild: DW/P. Henriksen

Erfolglose Jagd auf Kony

Allein 2013 führte das US-Militär 546 "Militäraktivitäten" in Afrika durch - im Dienste "amerikanischer Sicherheitsinteressen". Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um sich der Meinung der nigerianischen Autorin und Aktivistin Jumoke Balogun anzuschließen, die den US-amerikanischen #Celebrities in einem Artikel entgegenschleuderte: "Liebe Leute da draußen. Seid Ihr Nigerianer? Seid Ihr im Besitz konstitutioneller Rechte, euch an Nigerias demokratischem Prozess zu beteiligen? Nein? Dann habe ich Neuigkeiten für euch: Eure Kampagne untergräbt eben diesen demokratischen Prozess innerhalb Nigerias und die Bewegung gegen die kleptokratische Jonathan-Regierung".

Die Zweckentfremdung der nigerianischen #BringBackOurGirls-Kampagne erinnert an eine frühere verunglückte Hashtag-Aktion: 2012 trat eine kleine amerikanische Nichtregierungsorganisation die Twitter-Kampagne #Kony2012 los. Es dauerte nicht lange bis die US-Regierung Elitesoldaten nach Zentralafrika schickte, um den brutalen Chef der Terror-Sekte Lord's Resistance Army (LRA), Joseph Kony, zu fassen. Die Ugander fragten seinerzeit, warum es der eigenen Armee trotz riesigen Mitteleinsatzes nicht gelang, Kony dingfest zu machen. Exakt dieselbe Frage wollten die Nigerianer ihrer Regierung stellen - ohne Einmischung von außen.

Die Kurzlebigkeit der #Hashtag-Kampagnen von Jolie, Obama, Clooney & Co., denen im Internet-getriebenen Aufregungsdiskurs nach wenigen Tagen die Puste ausgeht, ist allenfalls ärgerlich. Verhängnisvoll dagegen ist die Gefahr, dass eine Einmischung der US-Regierung "mehr Militarismus und weniger Demokratie" bringt, wie der nigerianische Schriftsteller (und US-Bürger) Teju Cole nicht zu Unrecht befürchtet.

Christliche Fundamentalisten mischen sich ein

Es gibt noch ein weiteres Problem, das einige Promis offenbar nicht auf dem Schirm haben: Nicht nur die US-Armee, auch die fundamental-christliche Lobby in den USA hat #BringBackOurGirls schnell für sich entdeckt. Immerhin zählt Nigerias Borno-Region mit dem Städtchen Chibok zu den wenigen christlich geprägten Flecken im fast ausschließlich muslimischen Norden des Landes. Wer die unappetitliche Lobbykampagne der Bible-Belt-Aktivisten rund um den Konflikt in der westsudanesischen Darfur-Provinz mit den simplifizierten Botschaften verfolgt hat („Böse Araber meucheln gute Christen/Animisten“) kann die Sorgen nigerianischer Aktivisten gut nachvollziehen.

Apropos Darfur: In einem Interview in Juba 2011 verglich der Hollywoodstar und selbsterklärte Sudan-Aktivist George Clooney einmal die Politik des gesuchten Kriegsverbrechers und sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir mit einem beliebten Spielzug im Basketball. „Wir wissen genau, wie er spielt, er ist sehr berechenbar. Und wir wissen auch: Er beherrscht die Taktik von Blocken und Abrollen nicht.“ Die geladenen amerikanischen Journalisten waren begeistert, Sudan-Experten entsetzt.

„Liebe Welt, eure Hashtags werden #UnsereMädchenNichtNachHauseBringen“, schreibt die Nigerianerin Balogun in einer Kolumne. Recht hat sie. George Clooney und Angelina Jolie sind gute Schauspieler, Michelle Obama ist eine tolle First Lady. Aus der afrikanischen Politik sollten sie sich heraushalten - die möchten Afrikaner selbstbestimmt und erst einmal ohne US-Marines gestalten.