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Kultur

Kommentar: Brexit - Signal an die Kultur!

Die Briten stimmen für den Brexit? Selbst schuld, möchte man meinen. Doch jetzt reiben sich auch Europas Kulturschaffende erschrocken die Augen. Zu Recht, wie DW-Redakteur Stefan Dege meint.

Vielleicht dreht sich David Bowie ja im Grabe um. Der Rock-Sänger lebte immerhin drei Jahre lang in West-Berlin. Hier fand er die Inspiration für drei seiner aufregendsten Alben, darunter "Heroes". Das war in den Siebzigern. Heute ist Berlin deutsche Hauptstadt, ungeteilt, weltoffen und hipp, beliebt vor allem bei Künstlern. Aber Bowie? Wie andere britische Künstler ohne Visum müsste er Berlin vermutlich verlassen. Schuld ist der Brexit.

In Zeiten von Globalisierung wirkt das Szenario absurd. Aber es ist real und längst nicht die einzige der negativen Folgen des britischen EU-Ausstiegs. Sie alle betreffen - neben der Wirtschafts-, Währungs- Außen- und Verteidigungspolitik - auch die Kultur. Verliert die britische Musik- und Filmindustrie ihren Zugang zu ihrem wichtigsten, dem europäischen Markt? Bedrohen Europas Zollschranken schon bald den Leihverkehr zwischen den Museen? Streicht Brüssel seine Kulturförderung für das Vereinigte Königreich? Alles Beispiele, die zeigen: Die Leidtragenden des EU-Ausstiegs sitzen auf beiden Seiten des Ärmelkanals.

Der Geist der Abschottung wirkt

Opfer sind schon jetzt die Museen und Theater auf dem Kontinent, denn EU-Fördergelder gibt es nur für Kooperationsvorhaben. Für grenzüberschreitende Ausstellungen oder Theaterprojekte fehlt - ohne EU-Zuschuss - schon bald das Geld. Deutsche Hochschüler werden sich - ohne EU-Erasmus-Stipendium - ein Studium in Großbritannien kaum mehr leisten können. Leiden dürften auch die kulturellen Netzwerke: Ein französischer Kurator kann für seine Ausstellung kaum mehr auf britische Partner hoffen, ein dänischer Maler vielleicht seltener auf seine Würdigung durch ein Londoner Museum. Kontakte schlafen ein, Beziehungen kühlen ab. Der Geist der Abschottung wirkt, auch in den Köpfen.

Dege Stefan Kommentarbild App

DW-Kulturredakteur Stefan Dege

Das war zu erwarten, auch wenn kaum jemand darüber sprach. Wo war denn der europaweite Anti-Brexit-Aufschrei von Malern, Theater- und Museumsleuten, von Musikern und Kulturmanagern? Wer, außer den 300 britischen Künstlern, Filme- und Modemachern oder Intellektuellen, hat sich in den letzten Wochen gegen einen Brexit gestellt - freilich beschränkt auf die britischen Nachteile des EU-Ausstiegs? Erst jetzt dämmert vielen: Der Ausgang des Referendums könnte fatale Folgen haben. Für Protest ist es zu spät. Viel Porzellan ist zerschlagen worden. Jetzt geht es ans Aufsammeln.

Gemeinsames Wertefundament

Scherben gibt es reichlich. Am Anfang aber könnte die tröstliche Erkenntnis stehen: Großbritannien und Rest-Europa verbindet viel mehr als Wirtschaft und Finanzen, weit mehr als Zank um Einwanderungspolitik und Brüsseler Regelungswut. Kulturell ist und bleibt das Vereinigte Königreich Teil Europas. Von Menschenrechten über Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bis zu Toleranz und Religion teilen Briten und "Rest-Europäer" ein gemeinsames Wertefundament. Damit lässt sich arbeiten, darauf lässt sich aufbauen - vorausgesetzt, der Wille ist da und die Politik wirft der Kultur nicht weitere Knüppel zwischen die Beine.

Zur Analyse der Brexit-Abstimmung gehört auch: Die Rückbesinnung auf das Nationale ist beileibe kein britisches Phänomen. Die Europaskeptiker, Freiheitsfeinde, Geschichtsvergessenen und Intoleranten heißen anderswo nur anders - in Frankreich Front National, in Deutschland AfD und in Polen PIS. Der Brexit ist ein Signal gegen die Kultur. Wer auf die nationalistische Karte setzt, verneint das über alle Grenzen Verbindende von Musik, Literatur, Kunst und freiem Denken. Aber der Brexit ist auch ein Signal an die Kultur: Wer Freiheit will, muss ihre Feinde bekämpfen. Um es mit David Bowie zu sagen: "We can beat them. We can be heroes!" ("Wir können sie besiegen, können Helden sein.")


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