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Kommentare

Kommentar: Brückenbauer Kermani

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den Schriftsteller Navid Kermani. Eine Auszeichnung, mit der alle einverstanden sein müssten, meint Jochen Kürten.

Kermani wurde selbst vom Deutschen Bundestag geadelt. Mehr geht ja fast gar nicht. Als er ziemlich genau vor einem Jahr im Berliner Reichstag die Rede zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes hielt, war die Zustimmung hinterher groß. In der Politik. Aber auch in der Öffentlichkeit. Und das, obwohl sich der Autor auch für eine großherzigere Asylpolitik eingesetzt hatte - das ist immerhin ein Streitthema in der Republik.

Doch Kermani schaffte es zu vermitteln. Zwischen denjenigen, die seit jeher meinen, Deutschland müsse sich sowieso offener, liberaler und freizügiger zeigen in Sachen Asyl- und Flüchtlingspolitik. Und denen, die warnen vor noch mehr Zuzug von Menschen aus Osteuropa, aus Nah- und Mittelost, aus Afrika. Ganz nebenbei gelang Kermani auch eine Rede, die auch noch von der Universität in Tübingen, die ja als Schmiede der Rhetorik gilt, einen Preis bekam.

Brückenbauer und Mittler

Ein Brückenbauer zwischen den Kulturen, ein Mittler zwischen verschiedenen politischen Meinungen und gesellschaftlichen Gruppierungen, dazu noch ein ausgewiesener Sprachexperte und Stilist - welch besseren Kandidaten für den altehrwürdigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hätte es geben können? Kermani ist ein geeigneter, ja fast perfekter Preisträger, wenn es so etwas geben sollte.

Er erfüllt ja beides: Kermani ist politischer Autor und Prosa-Schriftsteller. Der Deutsche mit den persischen Wurzeln schreibt Sachbücher zum Koran und der Mystik, die auch an den Universitäten gelesen werden. Und er schreibt Romane über Alltagserfahrungen, über ganz persönliche Lebensstationen, die hoffentlich auch ein jüngeres Publikum liest.

Kuerten Jochen Kommentarbild App (Foto: DW)

DW-Redakteur Jochen Kürten

Da sind Titel wie "Der Schrecken Gottes: Attar, Hiob und die metaphysische Revolte", die so manchen unkundigen Buchladenbesucher sicher abschrecken dürften. Doch ein paar Tische weiter könnte man in einem gut sortierten Buchladen auch auf einen Band des Autors stoßen, der so heißt: "Album: Das Buch der von Neil Young Getöteten". Da geht es um Popmusik und mehr. Eine der jüngsten Veröffentlichungen des Autors bringt beides zusammen: "Zwischen Koran und Kafka" so der Titel des Buches.

Man könnte den Auslobern der Frankfurter Auszeichnung nun vorwerfen, dass mit Kermani als Preisträger keine überraschende Wahl gelungen ist, wie das 2014 mit dem Internet-Pionier Jaron Lanier noch der Fall war. Das ist richtig. Doch um eine Überraschung sollte es auch nicht gehen. Sondern um einen guten Kandidaten. Und das ist Kermani aus besagten Gründen auf jeden Fall. Vor allem auch, weil er trotz all der Erfolge, auf die er inzwischen zurückblicken kann, trotz der Preise und Auszeichnungen, kein weichgespülter Kandidat ist.

Kein weichgespülter Autor

Kermani hat immer den Mut, den Finger auf die Wunde zu legen. Bei aktuellen Themen wie der Asylpolitik, bei der Debatte über die jüngsten Flüchtlingsströme über das Mittelmeer, bei der Frage, wie man mit dem so genannten "Islamischen Staat" in Syrien, Irak und Libyen umzugehen hat. Denn Kermani ist keiner, der militärische Mittel ausschließt und nur auf die Kraft der Worte setzt.

Salopp könnte man sagen, er kann beides: mit allen reden, aber auch offen die Meinung sagen und scharfe Kanten zeigen. Die Autorität dazu hat er sich auch nicht nur am Schreibtisch erworben. Kermani ist viel unterwegs, im Land seiner Eltern, im Iran, aber auch in den vom Bürgerkrieg zerfressenen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Man sollte ihm also zuhören, wenn er etwas zu sagen hat. Und man sollte seine Bücher lesen. Bis zum Ende der Frankfurter Buchmesse im Herbst, wenn Kermani den Friedenspreis bekommt, ist ja noch Zeit.

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