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Kommentare

Kommentar: Brückenbauer in einem zerstrittenen Europa

Bei seinem Besuch in Rumänien hat Bundespräsident Joachim Gauck für das gemeinsame Europa geworben und an das nicht Selbstverständliche erinnert. Die EU braucht mehr Politiker von seinem Format, meint Robert Schwartz.

Rumänien Joachim Gauck und Klaus Johannis (r) in Hermannstadt

Bundespräsident Joachim Gauck (li.) und der rumänische Präsident Klaus Iohannis in Sibiu / Hermannstadt

Es war wie ein Wink mit dem Zaunpfahl, wenige Tage vor dem möglichen Desaster an der westlichen Peripherie Europas. Ohne das bevorstehende Referendum in Großbritannien direkt anzusprechen, wehrte sich Bundespräsident Joachim Gauck in einem eindrucksvollen Plädoyer gegen jegliche Form von Nationalismus und Isolationismus. Es wäre "absurd und zerstörerisch", so Gauck, "wenn die eine große Grenze durch Europa, die wir vor einem Vierteljahrhundert gemeinsam glücklich überwunden haben, nun durch viele neue Grenzen abgelöst würde."

Gauck sprach ohne Umschweife von dem "seltsamen und hochgefährlichen Ansturm negativer Affekte", dem Europa heute ausgesetzt sei. Gegen diese Affekte, so der Bundespräsident, helfe nur Vernunft. Und deswegen brauche es vor allem "Leidenschaft für Vernunft".

Ein Europa gleichwertiger Partner

Dass Joachim Gauck ausgerechnet Bukarest an der östlichen Peripherie der Europäischen Union dazu auserkoren hat, sein europäisches Bekenntnis zu bekräftigen, deuten die rumänischen Gastgeber als ein klares Zeichen, dass der Bundespräsident auch Rumänien und die anderen neuen EU-Mitgliedstaaten als vollwertige Partner im gemeinsamen Europa betrachtet. "Niemand darf den Eindruck haben, es gäbe in Europa Meister und Lehrlinge" - dieser Satz wurde in allen jüngeren Mitgliedsstaaten mit großer Genugtuung aufgenommen.

Schwartz Robert Kommentarbild App

Robert Schwartz leitet die Rumänische Redaktion

Wenn Gauck von einer gleichberechtigten Mitwirkung an der Entwicklung der EU, von Rechten, aber auch von Pflichten aller Mitgliedsstaaten redet, dann klingt das überzeugend. Vor allem auch deshalb, weil er sein Credo ohne politische Floskeln untermauert hat. Frei von ideologischen Zwängen sprach der Bundespräsident offen über die unterschiedlichen und zum Teil gegensätzlichen Vorstellungen und Ansichten, über die Ängste und Enttäuschungen der Europäer. Aber er erinnerte immer wieder an die unzähligen Chancen, die aus dem europäischen Einigungsprozess hervorgegangen sind. Und wohl mit Blick auf die angespannte geopolitische Lage in Osteuropa sprach Gauck mahnend aus, was oft vergessen wird: Der Frieden in Freiheit in Europa ist keine Selbstverständlichkeit. Und der Sinn und Zweck der Europäischen Union sei es, eben diesen Frieden in Freiheit dauerhaft zu bewahren.

Nicht nur für die Zuhörer im Saal klang Gaucks Rede wie ein letztes großes Plädoyer für Europa, kurz vor einem möglichen Auseinanderbrechen der Gemeinschaft. Für Gauck selbst war es wohl eine der letzten Chancen als Bundespräsident, mit der Kraft seiner Worte einen Brückenschlag von einem Rand des krisengeschüttelten Kontinents zum anderen zu versuchen.

Joachim Gauck, der Glaubwürdige

Der Brückenschlag war überhaupt das Motto seiner Rumänien-Reise, das immer wieder anklang: im Gespräch mit dem rumänischen Präsidenten Klaus Iohannis in Bukarest oder in dessen Heimatstadt Sibiu / Hermannstadt, einem Zentrum der deutschen Minderheit in Rumänien. Oder bei den Begegnungen mit Politikern und Vertretern der Zivilgesellschaft, mit einfachen Bürgern beim Spaziergang durch das mittelalterliche Zentrum von Hermannstadt.

Joachim Gauck gilt in Rumänien als Symbol für den Kampf gegen die kommunistische Diktatur in der ehemaligen DDR und für die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. Die rumänische Behörde, die sich mit den Verbrechen der einstigen Geheimpolizei Securitate beschäftigt, ist nach dem Muster der "Gauck-Behörde" aufgebaut worden. Seine eigene beeindruckende Geschichte und die daraus erwachsene diktaturerfahrene Perspektive auf ein gemeinsames Europa waren in Bukarest genau der richtige Mix, mit dem Gauck die Europäische Union als Wertegemeinschaft glaubhaft verteidigen konnte. Das krisengeschüttelte Europa könnte noch einige Köpfe mehr von seinem Format gebrauchen.

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