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Fußball

Kommentar: Blatters verzweifelte Gegenattacke

Der angeschlagene Boxer versucht einen Entlastungsangriff: Die Strategie von FIFA-Präsident Blatter ist durchschaubar, meint DW-Sportredakteur Joscha Weber. Blatter muss weg – und dabei ist der DFB gefordert.

Lange glich das Verhältnis zwischen FIFA-Präsident Joseph Blatter und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) einem Freundschaftsspiel. Ein netter Kick ohne Fouls und kritische Zwischentöne, ein respektvolles Aufeinandertreffen und bloß keine Zweikämpfe. Gegen Ende der Spielzeit, respektive Blatters Regentschaft, wird aus dem geselligen Spielchen plötzlich ein verbissenes Duell. Warum? Weil der DFB nicht länger die Augen vor dem Offensichtlichen verschließt.

Die FIFA ist korrupt. Punkt. Das ist eigentlich schon seit 2008 klar und gerichtsfest, als während eines Strafprozesses gegen ehemalige Manager des Marketingkonzerns ISL Schmiergeldzahlungen an die FIFA in Höhe von rund 118 Millionen Euro publik wurden. Dank juristischem Geschick und knapp 4,6 Millionen Euro als "Wiedergutmachungszahlung" blieben die Namen der bestochenen Funktionäre geheim. Nun ist klar, dass sich FIFA-Ehrenpräsident Joao Havelange und dessen Schwiegersohn Ricardo Teixeira zusammen rund 11,75 Millionen Euro überweisen ließen – ganz offensichtlich im Gegenzug für die verlässliche Vergabe von lukrativen TV-Rechten an die inzwischen insolvente ISL.

Der allmächtige Blatter will nichts gewusst haben

Der in der FIFA allmächtige Joseph "Sepp" Blatter, der in vielen Angelegenheiten ein Alleinunterschriftsrecht besitzen soll, will nichts davon gewusst haben. Unvorstellbar und unglaubwürdig, denn 1997 landete eine ISL-Schmiergeldzahlung versehentlich auf einem offiziellen FIFA-Konto. Es ist sein System, und doch spielt der Chef den Ahnungslosen und nennt die Bestechungsgelder lieber "Provisionen". Ein so offenkundiges Unrechtsbewusstsein hat nun den lange unkritischen deutschen Fußball aus seiner Lethargie geweckt. DFB-Präsident Niersbach geht "geschockt" auf Distanz zu Blatter, Bayern-Vorstandschef Rummenigge nennt den Schweizer wendig "wie ein Aal" und Ligapräsident Rauball fordert den FIFA-Boss zum Rücktritt auf.

Joscha Weber

DW-Sportredakteur Joscha Weber

Erst spät, sehr spät nimmt der DFB nun die Oppositionsrolle ein. Beim FIFA-Kongress im Juni 2011 stand der englische Verband bei der gefeierten Wiederwahl Blatters noch mutterseelenallein da als Kritiker – neben mehr als 200 applaudierenden Landesverbänden. Schon damals existierten ungeheuerliche Vorwürfe gegen Blatter und seine Vertrauten, doch der DFB blieb stumm. Im Angesicht des neuen deutschen Widerstandes geht Überlebenskünstler Blatter zur Gegenoffensive über: Deutschland habe die WM 2006 gekauft, deutete er an.

Vorwürfe um WM-Vergabe 2006 nicht neu

Dass Blatter jeden Beweis für seine These schuldig bleibt, entlarvt seine Aussagen als Akt der verzweifelten Selbstverteidigung. Die bereits bekannten und von offizieller Seite stets bestrittenen Zusammenhänge zwischen Waffendeals mit Saudi-Arabien, DaimlerChrysler-Geschäften in Südkorea sowie Freundschaftsspielen des FC Bayern München in Thailand, Malta und Tunesien auf der einen Seite und den Stimmen der Vertreter aus diesen Ländern für die deutsche Bewerbung auf der anderen Seite sollten sicherlich noch einmal eingehend überprüft werden. Für ein Blattersches Ablenkungsmanöver taugen sie hingegen nicht.

Denn eins ist klar: Der Chef des Weltfußballs hat nur noch das eigene Wohl im Sinn. Blatter, der den Applaus liebt, will als gefeierter Held des Fußballs die Bühne verlassen. Klappt das derzeit nicht, hängt er eben ab 2015 noch eine fünfte Amtszeit dran – ganz entgegen der Vorschläge der von ihm initiierten Reformgruppe um den Juristen Mark Pieth, die die Amtszeit des FIFA-Bosses auf zwei Legislaturperioden beschränken möchte. Blatter will also in die Verlängerung. Es ist nun auch am mächtigen DFB, diese zu verhindern, damit der Weltfußball endlich einen Neuanfang machen kann.

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