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Deutschland

Kommentar: Blanker Historisierung vorbeugen

Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar kann eine wichtige Funktion erfüllen, wenn er nicht zum bloßen Ritual erstarrt, meint Heinz Dylong.

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Fast 62 Jahre sind seit dem Ende der NS-Herrschaft vergangen, oder, um es anders zu formulieren, vor beinahe 62 Jahren gingen Krieg, Rassenwahn und Massenmord in Europa zu Ende. Das nationalsozialistische Deutschland war besiegt, die Konzentrationslager befreit, die vormals okkupierten Länder konnten sich im günstigsten Fall auf eine eigenverantwortliche Zukunft einstellen.

Offene Auseinandersetzung

Was in Westdeutschland folgte, war letztlich ein ungeahnter wirtschaftlicher Erfolg und - wenn auch langsam - eine relativ offene Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit. Da wurde mit Verbissenheit mancher intellektueller Kampf ausgetragen, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen: Relativierungen des Holocaust sind schlicht undenkbar - sein Leugnen steht unter Strafe -, an der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands gibt es keine Zweifel und der verbrecherische Charakter des NS-Regimes ist unbestreitbar. Die verbreitete öffentliche Meinung stimmt also mit den eindeutigen wissenschaftlichen Befunden überein.

Offen ist allerdings, ob dies auch einer dauerhaften Immunisierung gleichkommt, zumal die Zahl der unmittelbaren Zeitzeugen natürlicherweise immer kleiner wird. Die Phase der nationalsozialistischen Diktatur wird damit immer mehr zu einem bloßen Teil der Vergangenheit, sie wird geradezu historisiert, was Relativierungen leichter macht.

Rechtsextreme Erfolge

Diesem Risiko kann etwa mit einem offiziellen Holocaust-Gedenktag gegengesteuert werden. Der 27. Januar ist der "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus". 1996 hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog diesen jährlichen Erinnerungstag proklamiert. Und mit dem 27. Januar wählte er den Tag, an dem 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde. Natürlich ist es die stete Erinnerung, die anhaltende Mahnung, die das Bewusstsein für die Menschenverachtung des NS-Regimes aufrechterhalten kann.

Und nötig ist das ohne Zweifel. Die Erfolge rechtsextremer Parteien unterstreichen das an manchen Wahltagen nachdrücklich. Da muss auch in Deutschland entschieden gegengehalten werden. Und das ist nicht nur eine Aufforderung an die Adresse von Staat und Politik, sie richtet sich vielmehr an jeden einzelnen Bürger, dessen Zivilcourage gefordert ist, wenn zum Beispiel ausländerfeindlichen Parolen begegnet werden muss.

Jeder Einzelne ist gefragt

Wenn der inzwischen internationale Holocaust-Gedenktag dazu einen produktiven Beitrag leisten kann, dann nur, wenn er nicht zu einem reinen Ritual erstarrt. Im Bundestag ist das jedenfalls in den vergangenen Jahren gelungen. Die Mischung aus Jugendbegegnung und hintergründiger Reflexion - in diesem Jahr durch den ungarischen Literaturnobelpreisträger und Holocaust-Überlebenden Imre Kertész, der die Gedenkrede im Deutschen Bundestag halten wird - scheint ein gangbarer Weg zu sein.

Aber natürlich sind offizielle Gedenktage nicht ausreichend, um den Einflüssen ebenso einfacher wie dümmlicher rechtsradikaler Formeln zu begegnen. Letztlich ist jeder einzelne Bürger in seinem ganz persönlichen Umfeld gefragt und gefordert. Doch die Rückenstärkung durch das offizielle Gedenken kann dabei hilfreich sein.