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Europa

Kommentar: Bizarre Wende in Litwinenko-Affäre

Was für ein erbärmliches Schmierentheater. Eine Pressekonferenz in Moskau - live vom Fernsehen übertragen. Es tritt aber nicht Wladimir Putin auf, sondern ein Mann namens Andrej Lugowoi.

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Wer also ist dieser Andrej Lugowoi? Er ist ein ehemaliger Agent des russischen Geheimdienstes, der sich heute "Businessman" nennt. Er ist der Mann, den die britische Staatsanwaltschaft des Mordes an einem anderen ehemaligen russischen Geheimdienstagenten Alexander Litwinenko beschuldigt. Litwinenko starb im November vorigen Jahres qualvoll in London. Erst kurz vor seinem Tode konnte das ungewöhnliche Gift festgestellt werden: Es war das radioaktive Polonium 210. Kurz vor seinem Tode soll Litwinenko, laut Aussagen seiner Freunde, ausdrücklich Russlands Präsident Wladimir Putin des Auftragsmordes an ihm beschuldigt haben.

Irreale, absurde Geschichte

Nach monatelangen Ermittlungen nannte Ende Mai die britische Staatsanwaltschaft den Hauptverdächtigten: Andrej Lugowoi. Er und Dmitri Kowtun, noch ein ehemaliger russischer Geheimdienstagent, der sich heute ebenfalls "Geschäftsmann" nennt, trafen sich in London mit Litwinenko. Beide haben eine gehörige Dosis des strahlenden Giftes abbekommen. Die Spuren des Poloniums führten nach Moskau und nach Hamburg, wo Kowtun Zwischenstation gemacht hatte. Nun verlangen die Britten die Auslieferung Lugowois, um ihn vor Gericht zu stellen.

Dies die irreale, absurde Vorgeschichte. Ian Fleming, der Erfinder James Bonds, lässt grüssen. Nun gab Lugowoi auf seiner Pressekonferenz am Donnerstag (31.5.) den Startschuss für die nächsten Folgen. Er schüttete vor den versammelten Kameras ein wirres Sammelsurium an Beschuldigungen aus: Der britische Geheimdienst MI6 sei es, der Litwinenko liquidiert haben soll. Die Briten hätten auch ihn, Lugowoi, anzuwerben versucht, um - und hier wird's vollends absurd - Präsident Putin auszuspionieren. Dazu hätte er sogar ein Handy erhalten. Aber nein, vielleicht war's doch nicht der MI6, sondern die Mafia. Nur, wenn er’s sich richtig überlegt, dann war’s am Ende Boris Beresowski.

Omnipotente Reinkarnation des Bösen

Da wären wir. Beresowski und Putin. Diese Geschichte erinnert an das Verhältnis zwischen Trotzki und Stalin. Trotzki, der ehemalige Weggefährte Stalins, wurde von ihm ins Exil getrieben und zur Inkarnation des Bösen hochstilisiert. Starben Kühe in der Kolchose, so war Trotzki Schuld. Stalin ruhte nicht, bis Trotzki in seinem mexikanischen Exil mit einem Eispickel ermordet wurde.

Beresowski, ein Raubritter der wilden "Privatisierung" gleich nach dem Zerfall der Sowjetunion, war einer der Paten, die den ehemaligen Oberstleutnant des Geheimdienstes Wladimir Putin an die Macht im Kreml brachten. So etwas vergisst man nicht. Also wurde der ehemalige Königsmacher ins Exil getrieben und zur omnipotenten Reinkarnation des Bösen hochstilisiert. Beresowski nahm die Rolle dankend an.

Makabres Schmierentheater

Es ist ein erbärmliches Schmierentheater. Der Plot kommt von einem blassen Nachahmer Ian Flemings, so gut wie alle Figuren aus dem Dunstkreis des KGB. Mann könnte trefflich darüber lachen, wäre da nicht ein Umstand: die Handlung wurde aus Russland auf fremdes Territorium verlagert. Alexander Litwinenko starb keinen fiktiven, sondern einen ganz realen qualvollen Tod. Um die 30 unbeteiligte Personen, meist britische Bürger, wurden verstrahlt. Der Mord an Litwinenko war der erste terroristische Anschlag mit einer radioaktiven Substanz. Da gibt es nichts zu lachen.

Dem makabren Schmierentheater muss ein Ende gesetzt werden. Da die russischen Behörden, mit Berufung auf die Verfassung des Landes, Lugowoi nicht ausliefern werden, kommen die britischen Behörden nicht umhin, früher oder später die ganze Beweiskette zu veröffentlichen. Noch wichtiger wäre, nicht nur die Statisten, sondern auch Drehbuchautor und Regisseur mit Namen zu benennen.

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