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Standpunkt

Kommentar: Besser hätte die Ukraine auf den ESC verzichtet

Je näher der Eurovision Song Contest 2017 rückt, umso schlechter ist das Bild, das der diesjährige Gastgeber abgibt. Denn viele der bestehenden Probleme hat die Ukraine selbst verschuldet, meint Andreas Brenner.

Eurovision Song Contest in Stockholm Jamala Ukraine Finale Gewinnerin (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Jamala gewann im Mai 2016 den Wettbewerb in Stockholm und holte damit den ESC 2017 in die Ukraine

Der Sieg der Ukrainerin Jamala beim Eurovision Song Contest 2016 in Stockholm war eine Sensation und für viele eine Überraschung. Doch die Freude über den Erfolg der charismatischen Sängerin mit ihrem für diesen Wettbewerb ungewöhnlichen Song wurde vom Zweifel getrübt, ob das vom Krieg im Donbass zerrüttete Land den ESC 2017 angemessen austragen kann. Je mehr Zeit vergeht, desto berechtigter sind diese Bedenken.

Der schwere Weg zum ESC 2017

Zunächst stritten Regierung und der Staatssender NTU lange darum, in welcher ukrainischen Stadt der ESC im Mai 2017 stattfinden soll. Beworben hatten sich mehrere. Die Bekanntgabe der Entscheidung wurde immer wieder verschoben. Wertvolle Zeit ging verloren. Das Auswahlverfahren war nicht gerade transparent. Doch wer den ESC und die Ukraine kennt, wusste eigentlich gleich: Die nötige Infrastruktur - einen großen internationalen Flughafen, genügend Hotels und schließlich eine große Konzerthalle - gibt es nur in Kiew.

Dann, im November 2016, trat wegen eines Streits um die Finanzierung des ESC der ukrainische Fernsehchef Surab Alasania zurück. Und jetzt, genau drei Monate vor dem Finale des Musikwettbewerbs, haben zahlreiche Mitarbeiter des Organisationsteams, darunter die Executive Producer, das Handtuch geworfen. In einer kurzen Pressemitteilung fordert die Europäische Rundfunkunion EBU die ukrainischen Partner auf, trotz des Personalwechsels die Fristen einzuhalten und für eine erfolgreiche Durchführung des ESC zu sorgen. Doch das klingt wie ein Schrei der Verzweiflung. Bekanntlich ist es nie gut, mitten im reißenden Strom die Pferde zu wechseln.

Chaos um Ticketverkauf

Aus dem Auswahlverfahren um die Bewerberstädte hat die Ukraine nichts gelernt. Eine ähnliche Situation wiederholte sich bei der Auswahl des Partnerunternehmens für den Ticketverkauf. Der für den 6. Februar angekündigte Verkaufsstart wurde um eine Woche verschoben, angeblich wegen Einwänden anderer Bieter. Vielleicht stimmt das. Doch wie schon bei der Entscheidung für Kiew gab es auch beim Ticketverkauf nur einen Favoriten, Concert.ua, der auch den Zuschlag erhielt.

Brenner Andreas Kommentarbild App

DW-Redakteur Andreas Brenner

Zugleich wurde über ESC-Fanseiten bekannt, dass Fanclubs diesmal offensichtlich keine Tickets zu einem Vorzugspreis bekommen. In den meisten Teilnehmerländern gibt es offizielle Fan-Organisation, deren Mitglieder neben einer speziellen ESC-Akkreditierung auch vergünstigte Eintrittskarten erhalten. Unter dem Vorwand der Korruptionsbekämpfung werden die ESC-Fans offenbar einer solchen Möglichkeit in Kiew beraubt. Warum der Verkauf vergünstigter Tickets in Ländern wie Schweden oder Dänemark, die weltweit als Vorreiter bei der Korruptionsbekämpfung gelten, problemlos funktionierte, ist wohl nur eine rhetorische Frage.

Laut Berichten aus Kiew kosten die teuersten Tickets für den ESC 2017 rund 500 Euro. Das ist aber kein Beweis für einen hohen Lebensstandard in der Ukraine. Man wird das Gefühl nur schwer los, dass auf den besten Plätzen keine Fans sitzen werden, die eine einzigartige Atmosphäre schaffen, sondern beleibte, ältere Männer mit teuren Uhren in Begleitung deutlich jüngerer, langbeiniger Frauen in Designer-Kleidern. Natürlich kann man auch so dem diesjährigen Motto "Celebrate Diversity" Tribut zollen, aber dem Geist des ESC entspricht das nicht.

Es wäre schön, wenn trotz aller Schwierigkeiten im Mai in Kiew eine Show stattfinden würde, die nicht nur die TV-Zuschauer, sondern auch die Teilnehmer und Besucher genießen könnten. Doch derzeit spricht alles dagegen. Die objektiven Schwierigkeiten des Landes, das sich seit drei Jahren praktisch in einem Kriegszustand befindet, sind jedem klar.

Mit einem Verzicht hätte die Ukraine ihr Gesicht gewahrt

Daher hätten die meisten Fans des Wettbewerbs Verständnis dafür gehabt, wenn die Ukraine auf den ESC 2017 verzichtet hätte, und zwar unmittelbar nach Jamalas Sieg. In der Geschichte des ESC hat es das schon gegeben. Im Jahr 1980 wurde der Wettbewerb in den Niederlanden ausgetragen, nicht in Israel, das 1978 und 1979 gewonnen hatte und sich nicht in der Lage sah, die Veranstaltung zweimal hintereinander auszurichten.

Wahrscheinlich hätte die Ukraine einige Zeit Spott ertragen müssen, vor allem seitens seines östlichen Nachbarn. Russland, nebenbei bemerkt, hätte als drittplatziertes Land beim ESC 2016 wahrscheinlich nicht das Recht zugesprochen bekommen, den diesjährigen Wettbewerb auszutragen. Wahrscheinlich hätte man in Absprache mit dem zweitplatzierten Australien den Wettbewerb an ein westeuropäisches Land geben. Aber darum geht es nicht. Der Lärm in den Medien und sozialen Netzwerken hätte sich schnell gelegt.

Viel schlimmer ist, dass die Ukraine das ihr vor einem Jahr entgegengebrachte Vertrauen nach und nach verspielt hat. Die vielen Probleme und Peinlichkeiten um den ESC in der Ukraine sind selbstverschuldet. Der weltgrößte Musikwettbewerb war schon immer ein Spiegel dessen, was in Europa geschieht, und im Falle der Ukraine, was in diesem Land passiert. Auf dem Weg nach Europa stellt sich die Ukraine eben oft selbst ein Bein.

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