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Aktuell Deutschland

Kommentar: Beeindruckende Rede am richtigen Ort

Polens Staatspräsident Komorowski erinnert in Berlin an den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Mit seinem Plädoyer für ein mutiges, entschlossenes Europa beschwört er den Geist der Freiheit, freut sich Marcel Fürstenau.

In Zeiten eines unerklärten Krieges mitten in Europa an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren zu erinnern, ist unvermeidlich eine heikle Aufgabe. Zumal dann, wenn der Hauptredner in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages ein Pole ist. Staatspräsident Bronislaw Komorowski hat diese Aufgabe mit Bravour gemeistert. Er würdigte geradezu überschwänglich die deutsch-polnische Aussöhnung nach 1945, sprach von einer "guten Schicksalsgemeinschaft" und "Verantwortungsgemeinschaft". Es waren schon aus historischen Gründen sehr passende Worte, aber auch angesichts der russischen Aggression in der Ukraine und der Krim-Annexion.

Kritiker werden (berechtigterweise) einwenden, der polnische Staatspräsident hätte dem Anlass der Gedenkstunde entsprechend auch an die Millionen sowjetischen Opfer des von Hitler entfachten Krieges erinnern müssen. Doch dieses Versäumnis schmälert kaum den Gesamteindruck einer Rede, die sich bei allen notwendigen Bezügen zur Vergangenheit vor allem um die gegenwärtige Bedrohung des Friedens mitten in Europa drehte.

Familiengeschichte als Spiegelbild der europäischen Tragödie

Komorowski konnte und wollte es nicht allen recht machen. Als oberster Repräsentant eines in seiner Geschichte mehrfach von Kriegstreibern unter sich aufgeteilten Landes entschied er sich für ein leidenschaftliches Freiheitsplädoyer. Eine gute Entscheidung war das angesichts all der gegenwärtigen Krisen und Kriege (Ukraine, Syrien, Irak). Sie alle müssen auch als Folge mangelnder Lernfähigkeit aus der Geschichte und fehlender Freiheit gesehen werden. Komorowski ist schon aufgrund seiner Familiengeschichte höchst sensibel, wenn rechte wie linke Ideologen die Errungenschaften der Aufklärung infrage stellen oder bedrohen. Seine Glaubwürdigkeit und damit die seiner Berliner Rede wurzelt in der polnisch-litauischen Familiengeschichte.

Marcel Fürstenau, Korrespondent im Berliner Hauptstadtstudio

Hauptstadt-Korrespondent Marcel Fürstenau

Immer wieder gerieten Angehörige des polnischen Staatsoberhaupts zwischen die politischen Fronten, wurden enteignet, zwangsweise umgesiedelt oder sogar ermordet. Mal waren Hitlers Schergen die Täter, mal jene Stalins. Und ganz persönlich bezahlte Komorowski seinen langen Kampf für Freiheit und Menschenwürde im kommunistischen Polen mehrfach mit Haftstrafen. Mit denkbar großer moralischer Reputation sprach ein "lebendiger Zeitzeuge" (Komorowski über sich selbst) im deutschen Parlament über Krieg und Frieden. Dabei zitierte er eine andere moralische Autorität, den früheren deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gefahren der Gegenwart."

Verständlicher Glaube an die NATO

Wie sehr sich Komorowski angesichts aktueller Bedrohungen um Frieden und Freiheit sorgt, daran ließ er verständlicherweise keinen Zweifel. Gut, dass er in diesem Zusammenhang an das Verantwortungsbewusstsein der größeren europäischen Staaten appellierte. Zu oft haben in der Vergangenheit Deutschland, Frankreich oder Großbritannien beim Blick auf die eigenen Probleme das große Ganze ein wenig aus den Augen verloren. Das muss Komorowski, das muss einem Land mit der Geschichte Polens Sorgen bereiten.

Vor dem Hintergrund der russischen Expansionspolitik steht es dem Staatspräsidenten auch zu, 75 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs das nordatlantische Verteidigungsbündnis als Garant für die Sicherheit seines Heimatlandes und ganz Europas zu würdigen. Natürlich wäre es schön und passend gewesen, an diesem Tag in Berlin neben der NATO auch die Bedeutung der Vereinten Nationen für die Zeit nach 1945 zu betonen. Aber gerade aus polnischer Sicht hat sich die NATO mit all ihren Stärken und Schwächen seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 als entscheidender Sicherheitsgarant erwiesen.

Zurzeit nur ein Traum: Berlin-Warschau-Moskau

Dass Komorowskis Berliner Rede in Moskau richtig verstanden wird, muss wohl leider bezweifelt werden. Dabei waren und sind die Gedanken des polnischen Präsidenten auch ein Gesprächsangebot an den Kreml. So lobte Komorowski den europäischen Einigungsprozess als "Fähigkeit, Kompromisse zu schließen". Natürlich unter Respektierung bestehender nationaler Grenzen.

Komorowski wählte für seine Vision von einem friedfertigen Europa unter Einschluss Russlands ein schönes Bild. Ihm schwebt eine "Autobahn der Freiheit" vor. Die gibt es ganz real zwischen Berlin und Warschau. Eine Verkehrsachse Berlin-Warschau-Moskau ist eine Vision, von der Komorowski träumt. Er ist aber auch fest entschlossen, die bestehende Achse zwischen der polnischen und der deutschen Hauptstadt zu verteidigen. Und damit hat er in Berlin auch seinen Gastgebern aus dem Herzen gesprochen.

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