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Standpunkt

Kommentar: Beate Zschäpes Gefühle kommen reichlich spät

Überraschung im NSU-Prozess: Die Hauptangeklagte lässt eine Erklärung verlesen, wonach ihr die Auftritte von Opfer-Angehörigen "sehr nahe" gegangen seien. Marcel Fürstenau glaubt ihr das nicht.

Es war einer der bisher bewegendsten Momente im Strafverfahren gegen den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) vor dem Münchener Oberlandesgericht: Ayse Yozgat hat Beate Zschäpe im Oktober 2013 gebeten, "all diese Vorfälle aufzuklären". Gemeint waren die zehn Morde und zwei Bomben-Anschläge, die der Hauptangeklagten zur Last gelegt werden. Unter den Opfern: Ayse Yozgats Sohn Halit. Zschäpes NSU-Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos haben ihn am 6. April 2006 in seinem Internet-Café in Kassel skrupellos erschossen. Sie brüsteten sich damit selbst in dem Bekenner-Video, das Zschäpe nach dem Auffliegen des NSU an Medien verschickt hatte.

Sieben Jahre nach der schrecklichen Tat trat die trauernde Mutter als Zeugin im NSU-Prozess dieser stets kontrolliert und regungslos wirkenden Frau gegenüber. Jener Person, die nach Überzeugung des Generalbundesanwalts "an der Planung und Vorbereitung beteiligt war". Also auch an der Ermordung Halit Yozgats, der nur 21 Jahre alt wurde. Zschäpe ist seit wenigen Tagen 42, also doppelt so alt. Seit 2011 sitzt sie im Gefängnis - oder auf der Anklagebank im NSU-Prozess. Sage und schreibe 333 Verhandlungstage mussten vergehen, bis sie erstmals einen tieferen Blick in ihr Inneres zulässt. 

Zschäpe zeichnet ein Zerrbild

Es ist ein Zerrbild, mit dem sie das Image von der kaltblütigen Mörderin korrigieren will. In der von Strafverteidiger Mathias Grasel verlesenen Erklärung versucht Zschäpe den Eindruck einer mitfühlenden Frau zu erwecken. Nach dem emotionalen Appel der Yozgat-Mutter habe sie etwas sagen wollen, das Schweigen sei ihr "sehr schwer" gefallen. Die Strategie, damals nichts zu sagen, lastet Zschäpe ihrem Verteidiger-Trio der ersten Stunde an. Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm sind seit Beginn des NSU-Prozesses im Mai 2013 dabei. Mit ihnen wechselt sie seit Sommer 2015 kein Wort mehr. Zschäpe vertraut den damals hinzugekommen Mathias Grasel und Hermann Borchert.

Kommentarfoto Marcel Fürstenau Hauptstadtstudio (DW/S. Eichberg)

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

Hätte Zschäpe in diesen einschneidenden Moment des Strafverfahrens ihr Seelenleben offen gelegt, wäre die Wirkung vielleicht eine andere gewesen. Doch wer nach dem Strategie-Wechsel ihrer neuen Verteidiger weitere eineinhalb Jahre braucht, um erstmals vermeintlich wahre Gefühle zu zeigen, weckt mehr als vage Zweifel. Die speisen sich auch aus dem Umstand, dass die Erklärung in einem erkennbaren Zusammenhang mit dem über Zschäpe angefertigten psychiatrischen Gutachten steht. Das sollte ursprünglich schon im Dezember in die mündliche Verhandlung eingeführt werden.

Ayse Yozgats Bitte um Aufklärung bleibt unerfüllt

Die schriftliche Version des Sachverständigen Henning Saß lässt aus Sicht der Zschäpe-Verteidiger nichts Gutes für ihre Mandantin erwarten. Sie muss damit rechnen, nach Verbüßen ihrer Strafe in Sicherungsverwahrung genommen zu werden - eingesperrt für den Rest ihres Lebens also. Mit diesem Szenario vor Augen versucht Zschäpe nun zu retten, was vielleicht nicht mehr zu retten ist. Ihre plötzlich gezeigte angebliche Empathie für die Opfer und ihre Angehörigen ist zu diesem späten Zeitpunkt des NSU-Prozesses Ausdruck der reinen Verzweiflung. Vielleicht klingen Zschäpe ja die Worte Ayse Yozgats, der Mutter des neunten von zehn ermordeten NSU-Opfern, noch in den Ohren: "Jeder kann Straftaten begehen, aber ich bitte Sie um Aufklärung". Doch dieser Bitte versagt sich Zschäpe weiterhin.

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