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Europa

Kommentar: Aussichtsloser Kampf an der russischen Währungsfront

Die Antwort der russischen Zentralbank auf die Panikverkäufe des Rubels war entschlossen. Doch ohne eine drastische Änderung der Politik des Kremls wird ein Leitzins von 17 Prozent nichts bringen, meint Andrey Gurkov.

Elvira Nabiullina ist sehr professionell und mutig. Die Leiterin der russischen Zentralbank hat das überzeugend bewiesen, als sie in der Nacht zum Dienstag den Leitzins von 10,5 Prozent gleich auf 17 Prozent drastisch anhob. Es war eine zeitnahe und entschlossene Reaktion auf die Panik, die am Montag den russischen Devisenmarkt erfasst hatte. Dort war der seit vielen Monaten andauernde Fall des Rubels in das Stadium des zügellosen Ausverkaufs übergegangen.

Eine tiefe Rezession ist jetzt unvermeidlich

Die außergewöhnliche Verteuerung von Krediten soll die Panik im Keim ersticken, die rasch zum Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems Russlands führen kann. Auch soll sie die schnell wachsende Inflation dämpfen. Schließlich wird der Schritt einen signifikanten Anstieg der Zinssätze für Guthaben zur Folge haben. Das soll die Russen ermutigen, ihr Geld in den Banken zu halten, anstatt den Rubel beim Einkaufen zu verprassen, nur um ihre Ersparnisse vor einem weiteren Wertverlust zu retten.

Gleichzeitig wird die schärfere Geldpolitik das schon seit einem Jahr abklingende Wirtschaftswachstum im Land endgültig abwürgen. Die ohnehin schon teuren Darlehen werden jetzt einfach wahnsinnig teuer. Wenn aber keine Investitionsmittel verfügbar sind, kann man jede Investitionstätigkeit vergessen - und damit erst recht einen Aufschwung der heimischen Wirtschaft.

Einbrechen wird auch der in den vergangenen Jahren hohe Konsum der Verbraucher, was ein wenig helfen wird, den Inflationsdruck vom Rubel zu nehmen. Besonders hart trifft es alle, die Schulden haben: Weil sie immer mehr neue Kredite benötigen, um alte zu bedienen. Eine tiefe Rezession mit einer Zunahme ausfallender Kredite, einer Insolvenz von Firmen und Banken, steigender Arbeitslosigkeit und sinkenden Löhnen ist in Russland im Jahr 2015 jetzt unvermeidlich.

Hohe Staatsbeamtin gibt Alarmsignal

Wenn Elvira Nabiullina zu all dem bewusst bereit ist, dann steht es um den Rubel und die Inflation so ernst, dass wohl große und sehr schmerzvolle Opfer unumgänglich sind, um die Finanzgrundlagen des Staates zu stabilisieren. Die Chefin der Zentralbank ist die erste Funktionsträgerin in Russland von so hohem Rang, die dies quasi offiziell kundtut. Der Leitzins von 17 Prozent ist ihr Alarmsignal, ihr Aufschrei und ihre Forderung, sofort zu handeln.

Andrey Gurkov, Wirtschaftsredakteur bei DW-Russisch (Foto: DW)

Andrey Gurkov, Wirtschaftsredakteur bei DW-Russisch

Ihren spezifischen Beitrag zum Überwinden der Krise hat Nabiullina damit erbracht. Und insbesondere das ist ihr hoch anzurechnen: Sie setzt auf ökonomische, marktwirtschaftliche Methoden zur Lösung des Problems. Nun sind andere an der Reihe - der Präsident, die Regierung und die Parlamentsabgeordneten. Von ihnen wird eine radikale Abkehr vom bisherigen politischen und wirtschaftlichen Kurs verlangt. Denn der hat in nur wenigen Monaten die chronischen Probleme eines großen und sich insgesamt nicht schlecht entwickelnden Landes so verschärft, dass dessen gesamtes Finanzsystem erschüttert wurde.

Die Finanzmärkte sind bereit, Nabiullina zu glauben. Das zeigt die deutliche Stabilisierung des Rubels am Morgen des 16. Dezember. Doch die Marktteilnehmer glauben nicht, dass die russische politische Elite und Präsident Wladimir Putin zu radikalen Veränderungen in der Außen-, Innen- und Wirtschaftspolitik fähig sind. Sie glauben nicht, dass der Kreml bereit ist, das militärische Abenteuer im Osten der Ukraine zu beenden - was eine unerlässliche Bedingung ist, um den Druck der westlichen Finanzsanktionen wirksam zu mildern. Sie glauben nicht, dass Moskau sich ernsthaft daran machen wird, das Investitionsklima zu verbessern, um ausländische Investoren anzuziehen. Oder die Korruption zu bekämpfen, die vom Weltmarktpreis für Öl fatal abhängige Wirtschaft zu modernisieren, zu diversifizieren und Monopole aufzubrechen.

Deshalb setzte nur wenige Stunden, nachdem die Zentralbank Russlands ihre schwersten Geschütze aufgefahren und ihr Pulver weitgehend verschossen hatte, der Rubel seine Talfahrt gegenüber dem Dollar und dem Euro weiter fort. Früher oder später wird Russland mit radikalen Reformen beginnen müssen. Doch mit jedem Tag, mit dem man sie hinauszögert, wird deren Preis steigen.

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