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Kommentare

Kommentar: Aus den Augen, aus dem Sinn

Die Flüchtlingszahlen in Europa gehen zurück. Kein Grund, am heutigen Weltflüchtlingstag aufzuatmen. Denn vom Wegschauen wird die Not der Menschen nicht kleiner, meint Oliver Sallet.

In Griechenland herrschen jetzt wieder geordnete Verhältnisse. Die Zelte aus den wilden Lagern an der Grenze zu Mazedonien sind verschwunden. Das Leben im Dreck, zwischen Rauch, Müll und Fäkalien hat ein Ende. Die griechische Regierung hat aufgeräumt. Nach der Evakuierung Idomenis haben die Behörden nun auch die letzten Elendslager geräumt. Europa kann aufatmen, die Bilder von Kindern im Schlamm müssen wir jetzt nicht mehr ertragen.

Den Vorwurf, Europa versage bei der Hilfe für Flüchtlinge, können die Griechen jedoch nicht entkräften. Denn das Leiden der Flüchtlinge geht weiter - nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Mehr als 50.000 befinden sich weiterhin im Land, die meisten unter der Obhut des Staates, in den offiziellen Lagern der griechischen Regierung. Dort ist die Lage jedoch kaum besser als zuvor. Menschenunwürdig nennt sie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Aber Hilfsorganisationen und Presse müssen draußen bleiben. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht

Dabei ist das Schicksal der Gestrandeten in Griechenland nur eine Fußnote in der Geschichte der weltweiten Flüchtlingskrisen. Die Vereinten Nationen berichten von mehr als 65 Millionen Flüchtlingen weltweit, die Hälfte davon sind Kinder. Ihr Schicksal ist in Europa weitgehend unbekannt, denn die meisten von ihnen kommen nicht mal in unsere Nähe. Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg kampieren zu zehntausenden in Lagern wie Zaatari in Jordanien, oder in der Türkei. In Libyen wartet geschätzt eine Million Flüchtlinge auf die Überfahrt nach Europa.

Die Fluchtursachen sind vielfältig, die Schauplätze der Krisen weltweit verteilt: In Mali fliehen mehr als 200.000 Menschen vor Krieg und Zerstörung. In Myanmar vertreibt die Regierung das Volk der Rohingya. Und auch in vermeintlich "sicheren Herkunftsländern", wie Pakistan und Afghanistan fliehen viele aus Angst um ihr Leben.

Stacheldraht an Schengengrenzen scheint normal in diesen Tagen

DW-Redakteur Oliver Sallet (Foto: DW/Geilert)

DW-Redakteur Oliver Sallet

Hierzulande versuchen wir verzweifelt, die Situation in den Griff zu bekommen, denn die Flüchtlingszahlen sollen sinken. Für sechs Milliarden Euro hält die Türkei den Europäern die Flüchtlinge vom Hals und bringt sie in Zeltstädten unter - Österreich und die Balkanländer schließen ihre Grenzen für die Flüchtenden. Stacheldraht an Schengengrenzen scheint schon fast normal in diesen Tagen.

Der Teufelskreis aus illegalen Grenzübertritten und Rückweisungen hat längst begonnen. Und wir sind wieder da, wo wir schon im letzten Sommer waren. Skrupellose Geschäftemacher versprechen die Überfahrt nach Europa auf überfüllten Seelenverkäufern. Allein in diesem Jahr sind im Mittelmeer fast 3000 Flüchtlinge ertrunken. Rund 1000 Menschen mehr als im Jahr zuvor.

Und doch verkaufen Politiker die Maßnahmen in Europa als erfolgreich. Es stimmt: die Zahlen der Neuankömmlinge sind drastisch gesunken. Doch so wird dem "besorgten Bürger" vorgegaukelt, die Regierungen hätten die Flüchtlingskrise im Griff. Weniger Flüchtlinge im Land und das Problem sei gelöst, so die Botschaft. Es ist eine Politik des Wegschauens, des unter-den-Teppich-Kehrens, die uns hierzulande Beruhigung verspricht, die aber an Heuchelei kaum zu überbieten ist. Denn die Flüchtlingskrise dauert an, auch außerhalb der europäischen Grenzen. Eine globale Lösung gibt es nicht. Und Druck auf die Regierungen in Europa entsteht nur, sobald die Bürger direkt betroffen sind – das allerdings sind sie bei sinkenden Flüchtlingszahlen immer weniger.

Das Mittelmeer als Burggraben der Festung Europas

Hinzu kommt: eine wirkliche Lösung bedarf auch einer Beseitigung der Fluchtursachen. Doch so lange in Syrien weiter gekämpft wird, werden die Menschen weiter versuchen nach Europa zu kommen. Kein Stacheldraht wird sie aufhalten - einzig das Mittelmeer wird zusehends zum tödlichen Burggraben der Festung Europas. Die Vereinbarung der EU und der Türkei, sowie die Schließung der Balkanroute senken zwar die Flüchtlingszahlen in Europa - doch sie erhöhen auch die Todeszahlen im Mittelmeer.

In Deutschland heißen wir Flüchtlinge weiterhin willkommen - doch auf dem Weg hierher droht ihnen der Tod. Es wäre gut, diesem Zynismus ein Ende zu setzen - und legale Einreisemöglichkeiten für Schutzbedürftige zu schaffen, und zwar für ganz Europa und nicht nur für eine kleine Koalition der Hilfswilligen. Es wäre zumindest eine Perspektive - auch für die vielen Millionen Flüchtlinge weltweit, deren Schicksal in Europa kaum wahrgenommen wird.

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