Kommentar: Aufgeben ist keine Option | Kommentare | DW | 05.03.2016
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Kommentare

Kommentar: Aufgeben ist keine Option

Die Hauptgruppe der Taliban boykottiert Afghanistans Friedensgespräche. Weitergehen müssen die Verhandungen trotzdem, sagt Florian Weigand in seiner Analyse. Denn sonst werden noch mehr Flüchtlinge Afghanistan verlassen.

Afghanistan Friedenskundgebung in Kabul

Frieden muss kein Traum bleiben. Das hoffen in Afghanistan viele - doch derzeit sieht es nicht gut aus

Man kann sich die vergangenen Tage gut ausmalen: Regierungsvertreter aus Afghanistan und Pakistan schicken - mit der Schützenhilfe der USA und China - immer verzweifelter Botschaften an die Taliban. Und das selbst auferlegte Zeitfenster schließt sich immer weiter.

Noch am Freitag hatte die afghanische Regierung die Hoffnung nach draußen getragen, dass die Taliban doch noch rechtzeitig zusagen würden, um über eine Friedensperspektive für das geschundene Land zu reden.

Am Samstag dann die Ernüchterung: Die Hauptgruppe der Taliban um das Büro des "Islamischen Emirats" in Katar, diese Art Exilregierung also wird bis auf weiteres niemanden nach Pakistan schicken, wo die Gespräche stattfinden sollen.

Die Taliban-Absage ist ein diplomatisches Desaster

Die Blamage könnte nicht größer sein: Kabul, Washington und Peking sind düpiert, vor allem aber Islamabad. Erst vor Tagen hatte Pakistans Außenberater Sartaj Aziz erstmals offen zugegeben, dass die Regierung auf die Taliban Einfluss hat.

Weigand Florian Kommentarbild App

Florian Weigand, Chef des DW-Angebots für Afghanistan

Nun zeigt sich aber: Das mag für die Vergangenheit wohl richtig gewesen sein, westliche und afghanische Beobachter waren davon schon lange überzeugt. In der Gegenwart reicht Pakistans Einfluss offenbar aber nicht einmal mehr aus, ein diplomatisches Desaster zu verhindern.

Betrachten wir die Lage mal aus der Sicht der „Gotteskrieger“: Warum sollten sie ernsthaft verhandeln? Sie sind bereits in einem Großteil Afghanistans aktiv. Immer neue Gebiete fallen unter ihre Kontrolle. Manche - wie im Herbst Kundus - werden von den Regierungstruppen mühsam und oft nur noch mit Unterstützung von US-Einheiten zurückerobert. Die Regierung in Kabul ist schwach und zerstritten, viele Staatsdiener korrupt, die Soldaten demoralisiert. Und der Wille des Westens, der Kabuler Regierung immer wieder zu Seite zu springen, nimmt immer weiter ab. Die Taliban können also auf Zeit spielen. Und Geduld haben sie bereits bewiesen: Sie haben bereits fast 15 Jahre westlicher Präsenz in Afghanistan aussitzen können.

Was uns in Europa das alles angeht

Aufgeben ist für die so genannte Vierergruppe aus Afghanistan, Pakistan, USA und China dennoch keine Option, noch gibt es Hoffnung. Eine letzte Entscheidung hat das wichtigste Gremium der Taliban, der Führungsrat noch nicht getroffen - und auch die Taliban sind kein homogener Block. Untergruppen mögen durchaus interessiert sein, sich an den Verhandlungstisch zu setzen - und sei es zunächst nur, um mal in einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Dann wäre der Friedensprozess wenigstens nicht schon aus rein formalen Gründen für gescheitert zu erklären. Und damit bleibt immer noch wenigstens Zeit für weiteres Werben.

Jetzt gilt's: Frieden - oder Flucht

Das ist doppelt wichtig - für Afghanistan und im übrigen auch für uns in Europa. Denn sollte es überhaupt keine Hoffnung mehr auf Frieden in Afghanistan geben, dann werden auch diejenigen jungen und gut ausgebildeten Afghanen sich in den Westen aufmachen, die bisher noch bleiben wollen. Alle Bemühungen, diese für Afghanistan so wichtige Gruppe im Land zu halten, wären dann endgültig zum Scheitern verurteilt.

Afghanistans letzte Chance? Ihre Meinung ist uns willkommen - gleich hier unter dem Text.

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