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Amerika

Kommentar: Auf der anderen Seite

Keine herausragende Rede, aber ein Mutmacher. Präsident Obama zeigt bei seinem Deutschland-Besuch in Berlin, wie man als Politiker auftreten muss - meint Bernd Riegert.

Riegert, Bernd Deutschland/Chefredaktion REGIONEN, Hintergrund Deutschland. Bernd Riegert war am 11. September 2001 DW-Korrespondent in Washington, D.C., USA. DW3_8228. Foto DW/Per Henriksen 19.04.2013

Bernd Riegert, ehemaliger USA-Korrespondent

Wow! Was für ein Auftreten, was für ein Charisma! Der immer noch jugendlich locker wirkende US-Präsident steckt die deutschen Politiker allesamt in die Tasche. Weder die selbst ernannte "schwäbische Hausfrau", Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), noch der neuerdings zu Heul-Attacken neigende SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück können einem Barack Obama Konkurrenz machen. Obama liefert die perfekte Show, kann mit seinem Lächeln und seinem Charme jeden und jede für sich einnehmen. Knapp 100 Tage vor der Bundestagswahl ließ der Star aus Amerika etwas Glanz auf die Kanzlerin und einen ganz kleinen Schimmer auf den Kanzlerkandidaten Steinbrück scheinen. Alle wollen ein Bild mit ihm.

It's the economy, stupid!

Die Deutschen lieben Obama, wenn auch etwas weniger als vor fünf Jahren, als sich rund 200.000 Menschen an der Siegessäule einfanden. Trotz aller unterschiedlichen Interessen in der Wirtschaftspolitik, beim Datenschutz, bei der Kriegsführung mit Drohnen oder im Syrien-Konflikt ist das deutsch-amerikanische Verhältnis in bester Ordnung. Die USA wissen, dass sie ohne Deutschland als starkem Partner in Europa nicht auskommen. Deutschland braucht den wichtigsten Verbündeten, wenn es irgendetwas in der Welt bewegen will. Das wichtigste transatlantische Thema ist zurzeit die Wirtschaft: Wachstum, Arbeitsplätze, Handel in der multipolaren Welt. Die USA und Deutschland sollten schleunigst die Frage klären, ob die Wirtschaft mit mehr Schulden à la Obama oder Sparen à la Merkel angekurbelt werden kann. Kritikern an der Datenschnüffelei der US-Geheimdienste im Internet hat Barack Obama auf einer Pressekonferenz mit klaren Argumenten den Wind aus den Segeln genommen. Er vermittelt das Gefühl, die Sorgen Ernst zu nehmen. Selbstsicher, bescheiden, entwaffnend. Eine Meisterleistung an Öffentlichkeitsarbeit.

Neue Schritte zur atomaren Abrüstung

Ob Barack Obama nun spät oder früh in seiner Amtszeit nach Berlin kommt, ist eine Frage, die keine Rolle mehr spielt. Er kam, sah und siegte am Brandenburger Tor. Der in Deutschland unbeliebte Präsident George W. Bush kam fünfmal, und es hat ihm nicht geholfen. John F. Kennedy war nur einmal in Deutschland und ist auch fünfzig Jahre nach seinem Besuch noch eine Legende. Es zählt, was man sagt und wie man es sagt. Den Kennedy-Satz "Ich bin ein Berliner" konnte noch kein amerikanischer Präsident überbieten, auch Barack Obama nicht. Seine Ankündigung, die nukleare Abrüstung mit Russland voranzutreiben, ist dennoch eine richtige und ermutigende Botschaft. Trotz des Streits um Syrien und die Raketenabwehr in Europa sind Obama und Russlands Präsident Putin in der Lage, gemeinsam voranzugehen. Das haben die beiden vor zwei Tagen beim G8-Gipfel in Nordirland vereinbart. Obama hat es jetzt eindrucksvoll verkündet.

Kein Satz für die Geschichtsbücher

Der amerikanische Präsident sprach vor dem Brandenburger Tor, dem Symbol des überwundenen Kalten Krieges, in Richtung Osten. Das ist wichtig, denn wie schon bei seiner Abrüstungsrede in Prag 2009 wandte sich Obama an die Menschen, die jahrzehntelang im unfreien Teil Europas gelebt haben. Heute kann der amerikanische Präsident anders als sein Vorgänger Ronald Reagan 1987 das Brandenburger Tor durchschreiten. Das zeigt: Die Welt hat sich zum Positiven verändert. Die Freiheit hat gesiegt. Auf der anderen Seite einer imaginären Mauer stehen heute die Gegner der Freiheit, hat der US-amerikanische Präsident richtig erkannt. Darum hat Obama in Berlin das wolkige Ziel von Frieden und Gerechtigkeit für die ganze Welt ausgegeben. Amerika müsse zwar im Kampf gegen den Terror wachsam bleiben, aber seinen Gemütszustand des dauerhaften Kriegführens überwinden. Das war erstaunlich selbstkritisch. Obama hat noch dreieinhalb Jahre Zeit, dieser neuen Welt näher zu kommen. Deutschland muss ihm dabei helfen.

Der eine alles umfassende Satz, der diese Rede in die Geschichte eingehen lassen könnte, ist nicht gefallen. Am Brandenburger Tor kam Präsident Obama kräftig ins Schwitzen, nicht weil er inhaltliche Schwächen hätte. Er steckte aus Sicherheitsgründen in einer Art Glaskasten. Bei über 30 Grad im Schatten zog Obama die Jacke aus und witzelte über die Hitze. Locker, souverän. Wow.

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