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Europa

Kommentar: Auch Mariupol ist Europa

Die Ukraine trauert. Die Raketenangriffe auf die Hafenstadt sind eine neue Stufe im Krieg. Alle diplomatischen Bemühungen sind bislang gescheitert. Europa muss sich unangenehmen Wahrheiten stellen, meint Bernd Johann.

Trauer in der Ukraine: Im ganzen Land legen Menschen an zentralen Plätzen Kerzen und Blumen nieder. Ausdruck des Mitgefühls für die Opfer der Raketenangriffe auf Zivilisten in der Hafenstadt Mariupol. Und zugleich ein Zeichen der Geschlossenheit der Ukrainer gegen die Gewalt der prorussischen Separatisten im Osten des Landes.

Wer könnte nicht verstehen, wie viel Wut inzwischen auch in den Köpfen der Ukrainer stecken muss. Wut gegen die prorussischen Warlords und auch gegen all diejenigen, die sie unterstützen. Woher sonst als aus Russland kommen diese schweren Waffen, mit denen so viele Menschen auf einmal - darunter Frauen und Kinder - getötet werden konnten?

Dieser Angriff ist ein Kriegsverbrechen

In Mariupol hat ein schweres Kriegsverbrechen stattgefunden. So wie damals im Bosnien-Krieg, als auf dem Marktplatz von Sarajevo unschuldige Menschen von Bomben zerrissen wurden. Und so wie damals muss auch jetzt verlangt werden, dass die Verantwortlichen für den Massenmord in einem Wohngebiet von Mariupol zur Rechenschaft gezogen werden. Doch anders als im ehemaligen Jugoslawien bleibt diesmal der öffentliche Aufschrei in Europa aus. Ist Mariupol für Europa einfach zu weit weg?

Beeindruckend ist die besonnene Reaktion des ukrainischen Präsidenten Petro Potroschenko. Er verurteilt die Tat aufs Schärfste und fordert Konsequenzen. Doch er ruft nicht nach Vergeltung, sondern plädiert für die Fortsetzung der diplomatischen Bemühungen um eine friedliche Lösung diesen furchtbaren Kriegs. Und doch muss man die Frage formulieren: Welchen Erfolg kann Diplomatie haben, wenn die Kriegstreiber aus Donezk und Luhansk ihre Pläne von "Noworossija" (Neurussland) mit brachialer Gewalt voran treiben?

Unklarheit über die russischen Ziele

Deutsche Welle REGIONEN Osteuropa Ukrainisch Bernd Johann

Bernd Johann, Leiter von DW-Ukrainisch

Die von den Separatisten am Wochenende angekündigte Militäroffensive ist ausgeblieben. Käme es dazu, könnte sie sich vor allem gegen Mariupol richten. Es wäre ein Schritt zu einer Landbrücke zwischen dem Osten der Ukraine und der Halbinsel Krim im Süden, die Russland derzeit nur per Schiff oder aus der Luft versorgen kann. Würde der Kreml ein solches Vorhaben unterstützen, dann wäre die Schwelle zum offenen Krieg mit der Ukraine überschritten. Denn ohne massive Unterstützung durch russische Truppen könnte ein solcher Feldzug nicht verwirklicht werden.

Vielleicht wollen die Kriegsfürsten im Donbass und ihre Helfershelfer in Russland das auch gar nicht - oder jetzt nicht. Vielleicht sollten die Raketenangriffe die Ukrainer nur provozieren. Oder sie haben das Ziel, die Ukraine noch tiefer in einen Abnutzungskrieg hineinzuziehen, bei dem sich der Frontverlauf nur marginal verschiebt.

Unbequeme Erkenntnisse für Europa

Wie auch immer sich dieser Krieg entwickelt: Europa muss sich unangenehmen Erkenntnissen stellen. Die Gewalt geht weiter und könnte noch heftiger werden. Alle bisherige Diplomatie war vergeblich. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte sich bei einem Treffen in Berlin für einen Abzug schwerer Waffen ausgesprochen. Nur zwei Tage später explodieren Raketen in Mariupol. Abgefeuert aus Gebieten, die die Separatisten kontrollieren. Das bestätigten auch die OSZE-Experten vor Ort.

Zu den unangenehmen Wahrheiten gehört auch: Eine aus wirtschaftlichen Gründen sinnvolle Aufhebung westlicher Sanktionen gegen Russland ist vor diesem Hintergrund politisch unmöglich. Im Gegenteil: Neue Sanktionen stehen zur Debatte, wenn der Krieg weiter eskalieren sollte, wonach derzeit alles aussieht.

"Wir sind Mariupol" - so erklärten die Ukrainer am Tag der Trauer ihre Solidarität mit den Opfern des Massakers. Mit "Je suis Charlie" bekundeten die europäischen Staaten nach den Terroranschlägen von Paris Solidarität mit den Franzosen. Auf die Toten von Mariupol reagiert die europäische Öffentlichkeit dagegen zurückhaltend. Haben wir uns an den Krieg gewöhnt? Viele Ukrainer vermissen ein entschiedenes Signal der Unterstützung aus dem Westen. Klar ist: Mariupol ist in Europa. Aber ist Europa auch in Mariupol? Auch dieser Frage müssen sich die Europäer stellen.

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