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Standpunkt

Kommentar: Außenminister Gabriel - der schlechteste nicht

Der Bundesaußenminister amtiert auf Zeit. In diesen Tagen vor der Wahl noch mehr als sonst. Die "Arbeitsproben", die Sigmar Gabriel in den Hauptstädten oder in Krasnodar abliefert, findet Marko Langer überzeugend.

Fangen wir mit den Äußerlichkeiten an. Er hat sich verändert. Sigmar Gabriel mag über solche Sachen nicht gerne reden in der Öffentlichkeit. Daher zitieren wir das - für solche Fragen zuständige - Fachblatt "Gala", das schon im März schrieb: "Sigmar Gabriel strahlt mit erschlanktem Gesicht."

Er strahlt also. Über seinen Wechsel ins Auswärtige Amt und die seinerzeit geäußerte Hoffnung, Sigmar Gabriel wolle künftig mehr Zeit für sein Privatleben haben, ist viel diskutiert worden. Auch darüber, ob hier jemand den undankbaren Kanzlerkandidaten-Job loswerden und als Außenminister endlich zu neuer Popularität finden wollte. Wer das wirklich für das Motiv Gabriels gehalten hat, kannte den Sozialdemokraten schlecht. Die Rangeleien, die sich der Außenminister nun mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow liefert, sind ein Beleg dafür.

Seinem Vorgänger Frank-Walter Steinmeier hat die ruhige, stets auf Ausgleich und den unendlichen Dialog setzende Art schließlich eine neue Berufung eingetragen: das höchste Staatsamt, viel Repräsentation. Hin und wieder eine größere Rede, sonst Ruhe. Sein Parteifreund Gabriel ist da anders. Ein Überzeugungstäter, der sich nicht auf die letzten Tage seiner Zugehörigkeit zur Großen Koalition in taktischen Spielereien verliert.

Marko Langer Kommentarbild App PROVISORISCH (Sarah Ehrlenbruch)

Marko Langer, DW-Nachrichtenredaktion

Er hat sich an das neue Amt angepasst, vermeidet den Eklat. Aber Gabriel spricht Klartext. Dabei ist ihm egal, ob er gerade in Jerusalem, Washington oder eben Moskau ist. "Gestatten Sie mir, dass ich ein paar Bemerkungen dazu mache. Naturgemäß sehen wir die Sache etwas anders", so Gabriel jetzt im russischen Krasnodar, nachdem Lawrow in der ihm eigenen Art ausführlich die Politik des Westens in Syrien und ein "verzerrtes Wirklichkeitsbild" bei der Nato gegeißelt hat. Ein paar Bemerkungen? Lawrow schaut hinter seiner randlosen Brille nicht so, ob er sich darauf besonders freut. Aber höchstwahrscheinlich kann er nach 13 Jahren als russischer Außenminister gar nicht mehr anders schauen.

"Das will nicht 'mal Sergej"

Also, ein paar Bemerkungen. "Für uns ist das ein Kriegsverbrecher", sagt Gabriel über Assad. Zack. Lawrow greift sich an die Nase. Gabriel greift etwas später nach Lawrows Arm, als ein Reporter tatsächlich nach einem möglichen "Kontinental-Europa mit Russland von Lissabon bis Wladiwostok" fragt. "Das will nicht 'mal Sergej", schmunzelt der Bundesaußenminister. "Eines darf ich Ihnen versichern: Bei Sergej Lawrow gibt es keine Frage an der Klarheit seiner Position. Das macht es einfach, mit ihm zu debattieren." Der SPD-Mann macht das ja nicht zum ersten Mal. 

Die wahren Fragen der Welt 

Während sich also Sigmar Gabriel zu solchen Rhetorik-Übungen im fernen Krasnodar aufhält, gibt Kanzlerin Angela Merkel im Bundestag eine Regierungserklärung zum bevorstehenden G20-Gipfel ab. Wenig später empfängt sie im prasselnden Sommerregen von Berlin den französischen Staatschef Emmanuel Macron und andere zum Gipfel-Vorbereitungstreffen. Ist es also noch so, dass die wahren Fragen der Welt ohnehin im Kanzleramt beantwortet werden, während sich im Auswärtigen Amt - nun ja - auch jemand versuchen darf? Ob der gerade Steinmeier, Gabriel oder Martin Schulz (der eher nicht mehr) heißt, kann der Kanzlerin doch egal sein. Nicht wahr?

Oder Trittin? Oder Lindner? Oder was?

Das kann man so sehen. Aber nach der Wahl wird alles anders sein. Während sich Gabriel also in diesem Kras-no-dar aufhält, hat zwischenzeitlich in Berlin der grüne Allzeit-Star Jürgen Trittin auf die Regierungserklärung der Kanzlerin im Bundestag geantwortet. Manche schmunzeln darüber, wie sich Trittin seit einiger Zeit auf außenpolitische, ja weltpolitische Fragen konzentriert. Der läuft sich warm, sagen sie. Oder wird es vielleicht so sein, dass nach dem glücklosen FDP-Mann Guido Westerwelle der nächste FDP-Mann namens Christian Lindner in diese Umlaufbahn geschossen wird? Wer den liberalen Weltpolitiker Hans-Dietrich Genscher beobachten durfte und das Scheitern Westerwelles erleben musste, möchte Lindner zurufen: Mach' das nur nicht!

Egal! Die Macht- bzw. Regierungskonstellation nach der Wahl wird dem kleineren Partner das stolze Ministerium am Werderschen Markt zuordnen. Manche Diplomaten und Spitzenbeamte denken sich: Den überstehen wir auch noch! Sie werden sich Gabriel vielleicht zurückwünschen. Den, der Klartext spricht. Für ein Deutschland, das ja mehr Verantwortung in der Welt zu übernehmen hat, ist ein solcher Außenminister der schlechteste nicht.

Ob seiner Partei, der einstmals stolzen und starken Sozialdemokratie, der Eintrit in eine weitere Koalition der ewigen Bundeskanzlerin wohl bekommen würde, das allerdings ist eine ganz andere Geschichte. 

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