Kommentar: Asien braucht keinen Donald Trump | Kommentare | DW | 25.12.2017
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Standpunkt

Kommentar: Asien braucht keinen Donald Trump

Aus asiatischer Sicht markiert 2017 überdeutlich den amerikanischen Niedergang als Führungsnation und den nicht aufzuhaltenden Aufstieg Chinas zur Supermacht, meint Alexander Freund.

Sorry Mr. Trump, vermutlich haben Sie eine andere Wahrnehmung, aber für Asien waren Sie in 2017 sicherlich nicht die wichtigste Figur, trotz der zahllosen Tweets zu Korea und einer langen Asienreise. Natürlich waren Sie auch in Asien permanent in den Schlagzeilen, aber wirkliche Akzente haben Sie in diesem Teil der Welt nicht gesetzt.

Ihr erstes Jahr im Amt hat Asien eigentlich nur Unklarheit und Instabilität gebracht: Es begann mit Ihrem kruden Reisebann für sieben überwiegend muslimische Länder, mit dem Sie die USA sicherer machen wollten, mit dem Sie aber vor allem die Muslime auch in Asien gegen sich aufgebracht haben.

Warum gilt Ihr Reisebann für den Iran, nicht aber für Saudi-Arabien oder Pakistan, die doch nachweislich den radikalen Terror fördern oder zumindest dulden? Die Pakistaner haben Sie dafür zwar zumindest gerügt. Aber ein überzeugendes Konzept für Pakistan und vor allem Afghanistan haben Sie nicht vorzuweisen: Im Wahlkampf wollten Sie die US-Truppen noch schnellstmöglich aus Afghanistan abziehen, jetzt wollen Sie die Truppen sogar wieder aufstocken. Eine Strategie ist nicht erkennbar; eine Vision schon gar nicht.

Auch in der Flüchtlings-Krise um die muslimischen Rohingya kam von Ihnen keinerlei Vermittlungs-Initiative, trotz ethnischer Säuberungen durch das Militär in Myanmar. Der katholische Papst hat es zumindest versucht, auch wenn die Rohingya eine andere Religion haben.

Tweets gegen Raketen

Selbst den ständigen nordkoreanischen Provokationen haben Sie nichts entgegenzusetzen, außer ein paar Tweets. Die unendliche Sanktionsschraube gegen Nordkorea greift schon lange nicht mehr, zumal China und Russland nur halbherzig mitziehen. Trotz Ihrer Drohgebärden hat Ihr "Rocketman" sein Nordkorea in eine Position der Stärke gebombt, so dass an direkten Verhandlungen kein Weg mehr vorbei führt. Zur Lösung von Krisen braucht es keine undifferenzierte Symbolpolitik, sondern Allianzen. Und die haben Sie nicht schmieden können.

Freund Alexander Kommentarbild App

DW-Asienchef Alexander Freund

Jenseits des Meeres reibt sich der nationalkonservative Shinzo Abe vergnüglich die Hände, hat er dank Nordkorea endlich den Freibrief, die pazifistische Verfassung Japans aufzuweichen. Und nach ein paar Golfpartien mit Abe ist von Ihrem Wahlkampfgekläffe zum japanischen Handelsüberschuss nicht mehr viel geblieben.

Befremdliche Männerfreundschaften

Sie und Ihre Männerfreundschaften! Etwa zum philippinischen Präsidenten Duterte, der Ihnen beim Dinner ein herzzerreißendes Ständchen gebracht hat. Von Ihnen keinerlei Kritik an dem selbsternannten Scharfrichter, der tausendfach Drogenabhängige und Drogendealer töten lässt und mit seinen eigenen Morden prahlt. Unfassbar!

Eng umschlungen sah man Sie auch mit ihrem "wahren Freund" Narendra Modi, dem indischen Premier, der ähnlich viele Twitter-Follower wie Sie hat. Die Handelsstreitereien konnten Sie auch hier nicht beilegen, aber zumindest haben Sie Indien als verlässlichen Partner wertgeschätzt, gerade auch im Kampf gegen den islamistischen Terror. Dass Modi gleichzeitig auf gefährliche Weise den Hindu-Nationalismus befeuert, bleibt unter Freunden natürlich unerwähnt.  

Als Adler gestartet, als Pekingente gelandet

Besonders interessant war aber zu sehen, wie Sie sich als Präsident nach all den Hasstiraden im Wahlkampf gegenüber China positionieren. Pekings unfaire Handelspraktiken wollten Sie unterbinden, das eklatante Handelsdefizit abbauen, die Währungsmanipulation beenden, notfalls Strafzölle verhängen oder chinesische Produkte boykottieren. "America First!" 

Bei ihrem Besuch in Peking aber sind Sie wie so oft eingeknickt. Ihre leise Kritik verhallte ungehört. Vielmehr beschworen Sie eine strahlende Zukunft und schlossen ein paar Deals. Was für ein Kotau! Aber kein Wunder, denn Sie standen dem tatsächlich mächtigsten Mann der Welt gegenüber. Spätestens seit seiner Krönungsmesse beim Parteitag im Oktober ist Xi die uneingeschränkte Autorität im Reich der Mitte. Mit seiner "One-Belt-One-Road"-Initiative hat Xi eine Vision vorgelegt, von der neben China auch viele andere in Asien profitieren werden. Und die den chinesischen Führungsanspruch in Asien für Jahrzehnte betonieren wird. China plant langfristig, Sie nur in Twitterlänge.

Das chinesische System mit Einparteienstaat, staatlich gelenktem Turbokapitalismus und totaler Kontrolle ist für die wenigsten erstrebenswert. Aber zumindest hat sich China im Gegensatz zu den USA als verlässlicher Partner erwiesen.

Ungewissheit statt Führung

Aus asiatischer Sicht markiert 2017 also überdeutlich den amerikanischen Niedergang als Führungsnation und den nicht aufzuhaltenden Aufstieg Chinas zur Supermacht. Mit Ihrer desaströsen Politik haben Sie unendlich viel Glaubwürdigkeit verspielt und Möglichkeiten sträflich liegen gelassen - übrigens auch für die USA. Sorry, Mr. Trump, aber 2017 war weder für Sie noch für Asien ein wirklich gutes Jahr.

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