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Europa

Kommentar: Ankara bei Syrien auf dünnem Eis

Sehr früh legte sich der türkischer Regierungschef Recep Tayyip Erdogan als Gegner des syrischen Präsidenten fest. Assads Verbleib an der Macht schwächt nun Erdogan im eigenen Land, meint Baha Güngör.

Baha Güngör, Leiter der Türkischen Redaktion (Foto DW/Per Henriksen)

Baha Güngör, Leiter der Türkischen Redaktion

Die Türkei als Nachbarland Syriens ist ein Frontstaat des Westens in einer von gefährlichen kriegerischen Eskalationen bedrohten Region. Gerade deshalb wäre Ankara gut beraten gewesen, sich nicht selbst unter Zugzwang zu setzen, nachdem sich vor zwei Jahren im Zuge des "Arabischen Frühlings" in Syrien der Aufstand gegen Diktator Baschar al-Assad formiert hatte.

Doch der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan setzte zu schnell auf eine Karte und bezog strategisch unklug und übereilt Position gegen seinen früheren Freund in Damaskus. Sein Kalkül aber ging bis heute nicht auf: Assad ist immer noch an der Macht und gewinnt sogar im Krieg gegen die breit gefächerte Opposition verlorenen Boden wieder zurück. Die weiterhin bestehende Gefahr der Einbeziehung der Türkei in militärische Auseinandersetzungen in Syrien schwächt zunehmend Erdogans Position im eigenen Land.

Unübersichtliche Lage

Die verheerenden Bombenanschläge am 11. Mai 2013 in Reyhanli an der türkisch-syrischen Grenze mit offiziell 51 Toten und mehr als 200 Verletzten ist die bislang dickste Rechnung, die die Türkei für ihre Syrien-Strategie bezahlen musste. Wegen der von der Regierung verhängten Nachrichtensperren gibt es keine sicheren Angaben über die Opferzahlen, man vermutet aber, dass die tatsächliche Zahl der Getöteten etwa dreimal so hoch liegt. Über die Täter und deren politische Beweggründe wird weiterhin spekuliert.

Niemand kann mit Sicherheit sagen, wer entlang der insgesamt fast 900 Kilometer langen Grenze welche Interessen vertritt, dafür kämpft, stirbt oder tötet. In der historisch von Syrien beanspruchten türkischen Grenzprovinz Hatay, in der Reyhanli liegt, sind viele zu Hause: Araber, Kurden, syrische Alawiten, Sunniten, Dschihadisten, al-Qaida, syrische Oppositionelle, die von der heimischen Bevölkerung für die Anschläge von Reyhanli verantwortlich gemacht und inzwischen gewaltsam verfolgt werden.

Keine Alleingänge Ankaras

Die Fehleinschätzungen Erdogans können nicht nur die mühsam in die Wege geleitete Friedensstrategie mit den türkischen Kurden in höchstem Maße gefährden. Es ist nicht auszuschließen, dass Reyhanli nur den Anfang eines neuen Terrorszenarios gegen die Türkei darstellt. Weitere Anschläge in größeren Metropolen oder gar in beliebten Urlaubsregionen am Mittelmeer oder an der Ägäis würden - neben dem Risiko für den inneren Frieden - auch das Risiko nach sich ziehen, dass das beneidenswert große Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre ins Stocken gerät. Der strahlende wirtschaftliche Glanz über der Regierung Erdogans würde dann schneller verblassen, als es ihm lieb sein kann.

Nach seinem Austausch mit US-Präsident Barack Obama hat Erdogan bereits zu erkennen gegeben, dass er nun nicht mehr an einen schnellen Sturz Assads glaubt. Die Großmächte Russland und China sowie der Iran als seine Unterstützer werden weiterhin alles daran setzen, Assad so lange wie nur möglich an der Macht zu halten, um aus der Angelegenheit ohne Gesichtsverlust herauszukommen. Auch die USA werden sich nach den Erfahrungen in Afghanistan und im Irak nicht auf ein weiteres Abenteuer mit weitaus größeren Gefahren eines Flächenbrandes im Nahen Osten mit ungewissen schweren Folgen für den Weltfrieden einlassen. Unter diesen Rahmenbedingungen gibt es keinen Raum für türkische Alleingänge, weil das Eis unter Ankaras Syrien-Politik nach wie vor viel zu dünn ist.