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Amerikas Angst hat einen neuen Namen

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Ines Pohl
16. August 2016

Donald Trump bezeichnet Hillary Clinton als Amerikas Angela Merkel. Ein Angriff, der funktioniert, weil sich die Bundeskanzlerin als Projektionsfläche für Überfremdungs- und Abstiegsängste eignet, meint Ines Pohl.

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Hillary Clinton und Angela Merkel 2009
Hillary Clinton und Angela Merkel bei einem Treffen im Jahr 2009Bild: imago/Jens Schicke

Damals schien die Welt noch in Ordnung. Offenbarte der Akzent die deutsche Herkunft, waren die Menschen noch um die Weihnachtszeit voller Wertschätzung und Hochachtung für die deutsche Bundeskanzlerin. Angela Merkel wurde auf den Titelseiten der amerikanischen Blätter gefeiert als die Stimme der Vernunft, zuständig für wirtschaftliche Prosperität, letztlich nicht nur als Mutter der deutschen Nation, sondern als Garantin für die Stabilität und Sicherheit eines ganzen Kontinentes. Merkels Selfies mit syrischen Flüchtlingen wurden auch in den USA zum Symbol des neuen, großherzigen Deutschlands, untermalt vom herzlichen Begrüßungs-Applaus der Menschen am Münchner Bahnhof.

Merkels Heldendämmerung

Doch dann kam die Silvesternacht mit den Übergriffen in Köln. Aus der gefeierten Willkommenskultur wurde die bedrohliche Flüchtlingskrise. Mit den zunehmenden innenpolitischen wie innereuropäischen Problemen begann Merkels Heldendämmerung. Vom zuversichtlichen "Wir schaffen das" ist aus der Perspektive vieler Amerikaner am Ende nur ein "Wir haben Angst" geblieben.

Mit dem neuen Jahr begann aber auch der US-Wahlkampf und mit dem verstörenden Aufstieg des Donald Trump die Erlaubnis, Vorurteilen und Rassismus freien Lauf zu lassen.

Endlich gab es einen Politiker, der Erklärungen anbot, die man verstehen konnte. Der wusste, warum die heile amerikanische Welt in eine solche Unordnung geraten war und der sich nicht um vermeintliche politische Korrektheiten kümmerte, die Schuldigen einfach klar benannte und entsprechend simple Lösungen im Angebot hatte: Vor allem die Mexikaner und Chinesen sind an den wirtschaftlichen Schwierigkeiten schuld, für die Kriege und den Terror in der Welt werden die Muslime in Sippenhaft genommen.

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Ines Pohl, DW-Korrespondentin in Washington

Plumpe Twitter-Attacken

Und weil Donald Trump ein Meister darin ist, Stimmungen aufzugreifen und politisch auszuschlachten, war es nur eine Frage der Zeit, bis er den Stimmungsumschwung in Deutschland und Europa für seine Kampagne zu nutzen begann. In plumpen Twitter-Attacken machte er die deutsche Kanzlerin und ihre Flüchtlingspolitik für die Anschläge in Paris verantwortlich. Jeder Angriff, jeder Mord, an dem ein Muslim in Deutschland beteiligt ist, wird zum Kronzeugen für seine Politik der Ab- und Ausgrenzung.

Nun sieht es nicht gut aus für Donald Trump. Seit den Nominierungsparteitagen bekommt er keinen richtigen Boden mehr unter die Füße. Während die Umfragewerte von Hillary Clinton stetig steigen, laufen ihm prominente Mitglieder der eigenen Partei davon und es kracht gewaltig in seinem Wahlkampfteam.

Trumps Wahlkampfstrategie war von Beginn an auf Unsicherheit statt politischer Konzepte gebaut. Sein Kalkül ist dabei so durchsichtig wie erfolgreich: Je größer die Ängste in der Bevölkerung sind, desto stärker die Sehnsucht nach einem starken Mann, der mit harter Hand die Probleme löst. Da kommt ihm das Dilemma, in dem Angela Merkel gefangen ist, gerade recht. Und er spielt in meisterhafter Schlichtheit wieder einmal seinen einzigen Trumpf, die Angst-Karte, indem er seine Konkurrentin Hillary Clinton zur Angela Merkel Amerikas erklärt.

Starker Mann statt schwache Frau

Angela Merkel ist für viele Amerikaner inzwischen zum Symbol der enttäuschten Hoffnungen geworden. Eine Frau, von der man glaubte, sie könne es schaffen, die dann aber doch an ihrer eigenen Unfähigkeit, klare Grenzen zu ziehen, zu scheitern scheint. Eine Frau, der viele Menschen lange vertraut haben, die aber am Ende eben nicht die Härte gezeigt hat, die man braucht, um das eigene Land vor "den Anderen" zu beschützen. Eine Frau, die letztlich den Terror ins eigene Land holt. Und auch 15 Jahre nach 9/11 ist die Angst vor einem Terroranschlag immer noch Trumps stärkste politische Waffe.

Dabei ist der Vergleich von Clinton mit Merkel auch deshalb so geschickt, weil die Gleichsetzung der beiden Frauen auf den ersten Blick funktioniert. Und weil auf diesen ersten Blick auch klar wird, dass Donald Trump anders ist. In seiner Lesart eben jener starke Mann, der Amerika vor den Fehlern einer Frau beschützen kann.

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Ines Pohl Büroleiterin DW Studio Washington@inespohl