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Kommentar: American Angst

Donald Trump und andere Präsidentschaftskandidaten nutzen den IS-Terror für ihre Wahlkampfzwecke. Das verunsichert die Amerikaner und spielt allein der Terrormiliz in die Hände, meint Gero Schließ.

Hat Amerika den Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) schon verloren? Fast scheint es so. Zumindest kann die Terrormiliz einen ersten Etappensieg verbuchen. Denn mit ihrer ungezügelten Brutalität und den neuerdings bis in das Herz Europas ausgreifenden Anschlägen will sie nicht nur morden und Schrecken verbreiten. Sie will die westliche Lebensart zerstören. Sie will im Kampf der Ideen und der Werte mit ihrer Ideologie der Gewalt und Unterdrückung gegen Freiheit und Humanität obsiegen.

Angesichts des IS-Terrors beschwören alle Politiker dieser Welt das Mantra der Einigkeit. Aber ausgerechnet die westliche Führungsmacht USA ist tiefer denn je gespalten über die Frage, ob ihre Werte im Schatten der allgegenwärtigen Terrordrohung noch gelebt werden können.

Ende der Willkommenskultur

Amerika gilt als das Mutterland der Freiheit. Die Freiheitsstatue hat ihre Strahlkraft bis in die entferntesten Elendsviertel und die dunkelsten Kerker dieser Erde bewiesen. Sie ist das Sinnbild für eine Willkommenskultur, die den Verfolgten und Gestrandeten dieser Welt Schutz und eine neue Lebenschance signalisiert.

Das soll jetzt ausgerechnet für die Flüchtlinge aus Syrien nicht mehr gelten. Mehr als die Hälfte aller US-Bürger will nach jüngsten Umfragen überhaupt keine Syrer ins Land lassen. Damit folgen sie einem Votum des Repräsentantenhauses, das sich mit großer Mehrheit für eine Aussetzung der von Präsident Obama versprochenen Aufnahme von 10.000 syrischen Flüchtlinge ausgesprochen hat.

Ein mutiges Volk

Die Amerikaner sind nicht als besonders furchtsam bekannt. Sie schicken ihre Soldaten in die brenzligsten Krisenregionen dieser Welt, haben die monströsen Anschläge von 9/11 überstanden und vertrauen aus der Erfahrung ihrer Geschichte heraus auf die eigenen Kräfte.

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Gero Schließ, DW-Korrespondent in Washington

Dass es diesmal anders ist, hat mit dem aufziehenden Präsidentschaftswahlkampf und den beschämenden Tiraden der republikanischen Präsidentschaftskandidaten zu tun. Mit Unwahrheiten und menschenverachtenden Äußerungen besorgen sie das Geschäft des IS. Sie verbreiten Angst und Schrecken bei ihren Landsleuten und säen Hass und Misstrauen. Allen voran Donald Trump. Er stellt die syrischen Flüchtlinge unter generellen Terrorverdacht und weitet seine infamen Verdächtigungen auf alle muslimischen Gemeinden in den USA aus. Tausende Muslime im Bundesstaat New Jersey hätten damals die Anschläge von 9/11 bejubelt, behauptet er wahrheitswidrig. Jede einzelne Moschee müsse man sich jetzt genau ansehen und alle Muslime in einem Zentralregister erfassen, droht der maßlose Milliardär unter dem Jubel seiner Anhänger.

Die Kampagne verfängt. Immer mehr Amerikaner scheinen einen Teil ihres Way of Life aufgeben zu wollen. Freiheitsliebe weicht Engherzigkeit. Hilfsbereitschaft weicht Misstrauen, das in Ablehnung umschlägt. In vielen Gemeinden der USA trifft sie immer offener die Muslime, die hier schon immer friedlich gelebt haben und - anders als in Frankreich - bisher gut integriert sind.

Nur Vorteile für die Terroristen

Das beschert dem IS gleich einen doppelten Vorteil: Es demonstriert seine Macht, Einfluss auf die westliche Lebensweise zu nehmen. Und gleichzeitig liefern ihm Trump&Co mit ihren Attacken gegen muslimische Gemeinden neue Rekrutierungspotentiale für mögliche "Lone Wolf"-Attentäter. Denn wer sich ausgegrenzt fühlt, ist empfänglich für radikales ideologisches Werben. Doch das ist keine naturgegebene Entwicklung. Es ist an der Zeit, dass die gemäßigten Republikaner aufstehen und sich unmissverständlich von allen distanzieren, die so wie Trump argumentieren.

Auch Präsident Obama muss in der Diskussion mit der republikanischen Rechten stärker Flagge zeigen. Zu oft hat er lediglich Überdruss an der Auseinandersetzung mit ihnen zur Schau getragen. Aber es reicht nicht, sich intellektuell überlegen zu fühlen. Obama muss seine Landsleute erreichen. Einen Tag vor Thanksgiving, dem großen Fest der Amerikaner, ist er jetzt mit seinem Sicherheitsteam überraschend vor die Kameras getreten, um den stark verunsicherten Amerikanern ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Ein richtiger Schritt, um Ängste zu nehmen und die irrationale Diskussion um Terror und Flüchtlinge zu versachlichen. Doch erreicht ist dieses Ziel noch lange nicht. Es steht viel auf dem Spiel. Letztlich geht es um die Seele Amerikas, um den amerikanischen Traum.

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