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Wirtschaft

Kommentar: Alstom-Absage gut für Siemens

Der Siemens-Konzern hat im Rennen um den französischen Konkurrenten Alstom den Kürzeren gezogen und musste General Electric den Vortritt lassen. Eine Niederlage ist das jedoch nicht, meint Henrik Böhme.

Das mühsam erkämpfte Unentschieden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Ghana bei der WM könnte sich noch als ein wirklich gutes Resultat herausstellen. Als Warnschuss zur rechten Zeit sozusagen nach der Euphorie, die sich nach dem grandiosen Auftaktsieg gegen Portugal breitzumachen drohte.

Ähnlich verhält es sich mit der vermeintlichen Niederlage, die der Siemens-Konzern im Poker um den französischen Konkurrenten Alstom einstecken musste. Dass nun mit General Electric (GE) der US-Rivale von Siemens den Zuschlag erhalten hat, eröffnet den Münchnern gleich mehrere verheißungsvolle Perspektiven.

Zunächst einmal hatten die Amerikaner einen deutlichen Vorsprung und kannten die Karten in diesem Spiel früher als die Münchner. Die wurden ja erst von der französischen Regierung um ein Angebot gebeten, weil sich der Elysée-Palast von der Alstom-Führung nicht hinreichend über die GE-Verhandlungen informiert fühlte. Nun könnte man meinen, Siemens sei nur dazu geholt wurden, um den Preis hochzutreiben. Kann sein, muss aber nicht. Immerhin bekam Siemens ausreichend Zeit, die Bücher der Franzosen zu studieren. Man kennt also nun die Lage beim Nachbarn genauer als vorher. Daraus könnten sich eines nicht allzu fernen Tages neue Möglichkeiten ergeben.

Zum anderen wird GE nun Monate brauchen, den extrem komplexen Alstom-Deal einzutüten, und das immer in Abstimmung mit der Regierung in Paris. Denn die hat sich kurzerhand zum größten Alstom-Aktionär gemacht. Ob die Freude von GE-Chef Jeff Immelt über den Sieg angesichts dieser Entwicklung andauert? Zweifel sind erlaubt. Klar, er konnte es dem alten Rivalen Siemens mal wieder zeigen. Aber es könnte ein Sieg sein, der zur Niederlage wird. Schließlich sind da auch die kampferprobten französischen Gewerkschaften und die Kartellbehörden, die den Amerikanern jede Menge Knüppel zwischen die Beine werfen können.

Während GE nun also eine Menge Kraft brauchen wird für die eigentliche Arbeit, nämlich die Umsetzung des Deals, kann sich Siemens in aller Ruhe um den eigenen Laden kümmern. Da gibt es reichlich zu tun. Vorstandschef Joe Kaeser hat dem Unternehmen schließlich einen Komplettumbau verordnet. Da wäre ein Nebenkriegsschauplatz wie Alstom nur hinderlich gewesen. So aber wird Siemens seine Position vor allem auf einem Markt weiter ausbauen: nein, nicht in China, sondern in den USA.

Für den seit knapp einem Jahr amtierenden Siemens-Chef gilt: Er hat seine erste wirkliche Prüfung bestanden. Er hat in Windeseile, nachdem er von Paris praktisch ins Rennen gedrängt worden war, nicht etwa gezögert, was verständlich gewesen wäre, sondern ein erstes Angebot auf den Tisch gelegt. Er hat Handlungsfähigkeit und Flexibilität bewiesen, als er ebenso schnell den japanischen Konkurrenten Mitsubishi mit ins Boot holte. Und wer weiß: Vielleicht verliert der GE-Chef seine plötzlich entflammte Liebe zum alten Kontinent wieder. Vom Sieg zur Niederlage ist es manchmal nur ein Schritt.