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Wirtschaft

Kommentar: Alles wieder gut in Europa?

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal so stark gewachsen wie seit über einem Jahr nicht mehr. Doch reicht das wirklich, die Eurozone aus der Rezession zu hieven? Das ist mehr als fraglich, meint Rolf Wenkel.

Rolf Wenkel, DW Redakteur. Copyright: Dirk-Ulrich Kaufmann, DW. 05.03.2013

Rolf Wenkel, Wirtschaftsredaktion

Auf den ersten Blick sind die jüngsten Konjunkturdaten dazu angetan, gute Laune zu verbreiten. Nach der Stagnation im Winter haben konsumfreudige Verbraucher, steigende Investitionen und eine steigende Nachfrage aus dem Ausland dafür gesorgt, dass die Wirtschaftsleistung in Deutschland im zweiten Quartal um 0,7 Prozent gewachsen ist - das größte Plus seit einem Jahr.

Und weil Deutschland als größte Volkswirtschaft in Europa so viel Schwung mitbringt, um auch der Nachbarschaft wieder auf die Beine zu helfen, glauben viele Beobachter, die Rezession in Europa bereits für beendet erklären zu können. Schließlich hat auch Frankreich als zweitgrößte Volkswirtschaft in der Eurozone im Frühjahr ein überraschend starkes Plus von 0,5 Prozent hingelegt, und selbst die Minuszahlen bei Italien und Spanien werten die Statistiker als Erfolg, weil sie geringer ausgefallen sind als in den Vorquartalen.

So ist es kein Wunder, dass die Statistiker von Eurostat erstmals seit sechs Quartalen für die Eurozone ein Plus melden - um 0,3 Prozent sei die Wirtschaft im Euroraum im zweiten Quartal gewachsen, heißt es. "Die Eurozone wird aus der Rezession gehievt", so der Tenor, "und daran hat Deutschland den Löwenanteil."

Fragiles Fundament

Das mag durchaus sein, doch macht eine Schwalbe noch lange keinen Sommer. Tatsächlich ist das Fundament für einen robusten und nachhaltigen Aufschwung in Europa noch äußerst fragil. In Deutschland etwa erwarten Bundesbank und Bundesregierung, dass die exportabhängige Wirtschaft schon in der zweiten Jahreshälfte wieder einen Gang zurückschaltet.

Damit würde ausgerechnet die Lokomotive, auf die in Europa so viele ihre Hoffnung setzen, wieder langsamer. Und auch in Frankreich ist noch längst nicht entschieden, ob das Plus im zweiten Quartal der Beginn eines dauerhaften Aufschwungs ist - die Politik in Frankreich jedenfalls hat sich bislang noch nicht durch großen Reformeifer ausgezeichnet.

Risiko Weltwirtschaft

Im weltwirtschaftlichen Umfeld bestehen genug Risiken und Unwägbarkeiten, die einen Aufschwung in Europa nachhaltig behindern könnten. Zwar stehen die Zeichen in den Vereinigten Staaten von Amerika auf Erholung, doch dafür melden die Schwellenländer und insbesondere der asiatische Raum nachlassende Wachstumsraten - mit entsprechend gedämpften Aussichten für die Exportindustrie in Europa.

Und auch in Japan hat die Wirtschaft trotz "Abenomics" deutlich an Fahrt verloren, die Politik des japanischen Regierungschefs Shinzo Abe, mit einer ultralockeren Geldpolitik und kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen der Wirtschaft wieder Leben einzuhauchen, scheint ihre Wirkung zu verlieren.

Fragezeichen bleiben

Doch nicht nur in den Schwellenländern und in Japan, sondern auch in Europa bleiben wesentliche Probleme in der Schwebe. So ist mit einem beginnenden Aufschwung noch lange nicht das Problem der überschuldeten öffentlichen Haushalte in Europa gelöst. Auch die strukturellen Ungleichgewichte in der Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Länder sind bislang kaum ernsthaft angegangen worden. Und die Politik des billigen Geldes der Europäischen Zentralbank birgt mittelfristig die Gefahr der Blasenbildung und Inflation. Darauf aber hat sich noch nie ein stabiler und robuster Aufschwung gründen können.

Man sieht: Eine Trendwende in Europa ist zwar zu erkennen - doch ob sie dauerhaft in einen Aufschwung mündet und ob Deutschland weiter die zugkräftige Lokomotive bleiben kann, dahinter sollte man - schon aus Vorsichtsgründen - ein dickes Fragezeichen setzen.