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Politik

Kommentar: Alles oder nichts in Nepal

Im Konflikt in Nepal zwischen dem König uns seinem Volk hat der König ein Stück weit eingelenkt. Den Demonstranten reicht dies aber nicht. Die Zukunft Nepals ist deshalb ungewisser denn je, meint Priya Esselborn.

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Lehnen den Königsweg ab: Demonstranten in Nepal

Des Königs Sicht klingt wie aus einem Märchen: In einem kleinen Land, umgeben von hohen Bergen, regiert ein König namens Gyanendra. Beherzt wollte dieser mit einem Staatsstreich sein Volk vor dem Verderben retten. Er entließ die Regierung, ein Parlament gab es schon lange nicht mehr, und somit lag die Macht allein bei ihm. All dies diente angeblich nur einem hehren Ziel: das nepalesische Volk vom Terror der maoistischen Rebellen zu befreien. Denn das hätten weder die Parteien noch die Regierung geschafft - sagte der König.

Doch die Wirklichkeit sah anders aus. König Gyanendra verhängte nach seinem Staatsstreich im Februar 2005 eine strenge Pressezensur und ließ Proteste brutal niederschlagen. Von Parlamentswahlen sprach er nur vage. Bald sahen die Menschen in ihm nur noch den sturen und machthungrigen Monarchen. Ein schmerzhafter Abnabelungsprozess. Denn im hinduistischen Nepal gilt der König traditionell als Inkarnation des Gottes Vishnu, des Erhalters der Welt und daher als Vaterfigur.

Internationaler Druck

In den vergangenen Wochen schlossen sich trotz Ausgangssperre und Schießbefehl Hunderttausende frustriert den Protesten der Opposition an. Auch der Druck der internationalen Gemeinschaft, auf deren Hilfe Nepal seit mehr als einem halben Jahrhundert angewiesen ist, wuchs. Indien, Nepals großer Nachbar, schickte einen Sondergesandten.

König Gyanendra hatte sich gründlich verkalkuliert - und sehr lange gebraucht, um dies einzusehen. Am Freitag (21.4.2006) bot er vorsichtig an, die Macht an das Volk zurückzugeben. Er selbst wolle Staats- und Armeechef bleiben. Die Sieben-Parteien-Opposition solle eine Regierung bilden. Annerkennung gab es dafür fast nur im Ausland, aus Sicht der nepalesischen Opposition hingegen ist das Kompromissangebot des Königs nichts weiter als ein billiger Trick. Nepals Oppositionsparteien wollen nur eine verfassungsgebende Versammlung akzeptieren, die auch über die Zukunft des Königs entscheiden soll. Ihre Devise lautet: Alles oder nichts.

Rebellen taktieren

Für die 26 Millionen Nepalesen wird es immer schwieriger zu unterscheiden, wer in diesem Chaos tatsächlich Recht hat. Ende 2005 schloss die Opposition einen Pakt mit den ihnen einst so verhassten Maoisten, um den König in die Knie zu zwingen. Die Rebellen bekennen sich darin öffentlich zu einer Mehrparteiendemokratie - ein immenses Zugeständnis. Denn als die Maoisten vor mehr als zehn Jahren in den Untergrund gingen, wollten sie noch eine kommunistische Republik in Nepal verwirklichen. Sie sind gewiefte Taktiker und kennen die Spielregeln im nepalesischen Machtpoker.

Noch lange kein Happy End

Für die maoistischen Rebellen, das Oppositionsbündnis und den König geht es nun jeweils darum, bei der Machtverteilung das größte Stück vom Kuchen abzubekommen. Für die Menschen in Nepal hingegen geht es um ihr Überleben, um ihre Zukunft. Die Preise für Lebensmittel sind vielerorts um bis zu 300 Prozent gestiegen, Obst und Gemüse sind rar. Das Zauberwort lautet nun für viele: Vollständige Wiederherstellung der Demokratie. Viele hoffen, dass sich damit alle Probleme des Landes in Luft auflösen. Doch um diese Mammutaufgabe zu bewerkstelligen, fehlt das Fundament. Demokratische Strukturen reichen allein nicht aus, solange der Geist der Demokratie fehlt. Und der ist nirgendwo zu erkennen. Die politischen Parteien feiern sich schon als Sieger in Nepal und demonstrieren mit der Rückendeckung der Maoisten eindrucksvoll ihre immer größer werdende Macht. Vielleicht ein wenig vorschnell. Denn ohne gemeinsamen Feind haben sie sich in der Vergangenheit immer heillos zerstritten. Der angekündigte Rückzug des Königs von der politischen Macht bedeutet noch lange nicht das ersehnte Happy End in Nepal.

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