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Kommentar: Alles nicht so einfach am Everest

Auch in diesem Jahr versuchen wieder Hunderte von Bergsteigern, den Mount Everest zu besteigen. Schlimm, unverantwortbar? Schwarzweißmalerei hilft nicht weiter, findet DW-Sportredakteur und Bergsteiger Stefan Nestler.

Kaum hat die Frühjahrssaison am Mount Everest begonnen, da rauscht es auch schon wieder durch den Blätterwald: "Höchste Müllkippe der Welt", "Dilettanten am Berg", "Unverantwortlicher Massentourismus" oder so ähnlich. Ganz falsch ist das alles nicht, ganz richtig aber auch nicht. Das Müllproblem am höchsten Berg der Erde etwa ist seit mindestens 20 Jahren als solches erkannt. Die Expeditionen werden zur Kasse gebeten, wenn sie ihren Dreck nicht wieder mitnehmen. Das gilt auch für die menschlichen Abfälle, zumindest für jene im Basislager. Sauber ist der Everest deshalb noch lange nicht, aber auch nicht dreckiger als ähnlich frequentierte Berge in den Alpen.

Auch richtige Bergsteiger

Ja, es tummeln sich am Everest auch noch immer zu viele Gipfelanwärter, die sich Bergsteiger schimpfen, aber eigentlich keine sind. Die dem Everest aufgrund ihrer mangelnden Erfahrung nie und nimmer gewachsen wären, hätten sie nicht Sherpas, die ihnen ihr Gepäck abnehmen und sie bis zum höchsten Punkt auf 8850 Metern hinaufziehen. Die ihr krankes Ego aufpolieren wollen, koste es, was es wolle. Aber es finden sich am Everest auch leistungsstarke Hobby-Bergsteiger, ohne dickes Portemonnaie oder Sponsoren. Die ihr über viele Jahre Erspartes zusammenkratzen, um wenigstens einmal zu versuchen, den höchsten Berg der Erde zu besteigen. Oder auch Profibergsteiger mit sportlich ambitionierten Zielen, wie in diesem Jahr zum Beispiel die Deutschen Ralf Dujmovits oder David Göttler, die ohne Flaschensauerstoff aufsteigen wollen, auf neuen Wegen, wenn es die Verhältnisse zulassen.

Stefan Nestler, DW Sport. Foto: DW

Stefan Nestler, DW Sport

Auch die Sache mit dem Massentourismus ist komplexer, als sie meist dargestellt wird. Natürlich wünscht sich jeder Naturfreund, er hätte einen Berg, einen Wald, einen See, einen Strand oder eine Skipiste für sich alleine. Diese Einsamkeit mag er auch finden, aber bestimmt nicht an touristischen Zielen, die angesagt sind. Und dazu gehört der Mount Everest. In Nepal - immer noch eines der ärmsten Länder der Welt - leben Tausende Familien vom Tourismus rund um den Everest. Will man ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen? Der höchste aller Berge ist hochgradig kommerzialisiert. Aber das sind auch andere Prestigeberge wie der Kilimandscharo in Afrika oder der Mont Blanc oder das Matterhorn in den Alpen. Dort jedoch wird der Trubel als selbstverständlich hingenommen und akzeptiert. Ein klassischer Fall von Doppelmoral.

Kein Killerberg

In den oft verzerrten Blick auf den Mount Everest passt auch sein in vielen Medien verbreiteter Ruf als "Killerberg". Gemessen an der Zahl der Toten müssten dann auch der Mont Blanc oder der Kilimandscharo in diese Kategorie fallen. Am höchsten Berg der Alpen kommen alljährlich im Schnitt mehr Menschen in Lawinen oder bei Abstürzen ums Leben als am Everest, und am höchsten Berg Afrikas sterben Jahr für Jahr Dutzende von Bergsteigern an den Folgen der Höhenkrankheit. Nur, dass im Unterschied zum Everest dort niemand darüber eine Statistik führt, weil es dem Geschäft schadet.

Standards müssen her

Also alles halb so wild am Mount Everest? Alles kann bleiben, wie es ist? Nein. Es besteht durchaus Reformbedarf. Standards sollten her und auch eingehalten werden: für eine angemessene Bezahlung und Absicherung der Climbing Sherpas, für die bergsteigerische Qualifikation der Gipfelanwärter, für den Umweltschutz. Auch eine Obergrenze für eine verantwortbare Zahl an Bergsteigern am Everest täte Not.

Apropos Verantwortung. Die tragen letztlich alle: Die nepalesische Regierung, die die Regeln für den Everest aufstellt. Die Expeditionsveranstalter, die eine Sorgfaltspflicht für ihre Angestellten, ihre Kunden und auch die Umwelt haben. Die Sherpas als „Hausmeister“ des Everest, die sich auch alle an Recht und Gesetz halten müssen - Drohungen wie 2014 oder gar Gewalt wie 2013 gegen die europäischen Bergsteiger Simone Moro und Ueli Steck gehen gar nicht. Und nicht zuletzt auch jeder Gipfelanwärter, der die Einheimischen als Partner auf Augenhöhe behandeln sollte und der auch gut beraten wäre, dem höchsten Berg der Erde mit Demut entgegenzutreten. Jeder, der sich am Everest versucht, muss sich der Risiken bewusst sein, die er dort eingeht und denen er auch andere aussetzt, je nachdem, wie er sich verhält. Bergsteigen ist nun einmal gefährlicher als Schachspielen oder Fliegenfischen.

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